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Die Stör

 

Wer weiß heute noch mit diesem Ausdruck etwas anzufangen ?

 

Das Wort Sterer (Störer) bedeutete seinerzeit bei den Bauern im Taglohn und gegen Verpflegung und Unterkunft arbeitende, herumziehende Handwerker. 

   Bis etwa um das Jahr 1850 gab es in den Dörfern die Störschaften, die auch bestellt werden mußten, und so war die Zeit, wo sie auf die Stör gingen, nach dem beendeten Getreidetrusch, das war vom Spätherbst an bis ins frühzeitliche Frühjahr, wo die Feldarbeit ruhte. Da kamen verschiedene Handwerker unangesagt oder auf Bestellung mit ihrem Handwerkzeug in die Bauernhäuser, wo sie während ihrer Arbeit verpflegt und untergebracht wurden und nach erhaltener Entlohnung wieder weiterzogen.

   Dieser Brauch fußte einerseits auf dem Umstand, daß der Bauer gewisse Werkstoffe wie Holz, Leder, Leinwand, "Durandei" (Mischlingsstoff aus Flachs und Schafwolle) selbst erzeugte oder vorrätig hielt, daß er sich viele Gänge ersparte und er die Güte der erzeugten Ware oder geleisteten Arbeiten ständig überwachen konnte.

   Die nötigen Handwerker waren damals auch nicht in jedem Ort ansässig, weil ja der ständige Bedarf nach einem ansässigen Handwerker gar nicht gegeben war und ein Handwerker für mehrere Ortschaften reichte.

   Diese Handwerker hatten bei ihren Wohnhäusern kleine Wirtschaften, die auch bestellt werden mußten, und so war die Zeit, wo sie auf die Stör gingen, nach dem beendeten Getreidedrusch, das ist vom Spätherbst bis in das zeitliche Frühjahr, wo die Feldarbeit begann, festgelegt. In dieser Zeit hatte auch der Bauer seine unfreiwilligen Ferien, die am Besten für die Stör ausgenutzt werden konnten.

    Während er übrigen Jahreszeit arbeiteten diese Handwerker, wenn sie ihre Feldarbeit besorgt hatten, zu Hause und auf Vorrat.

 

   Der Schneidermeister und ein oder zwei Gesellen kamen angerückt, jeder mit dem hölzernen Ellenmaß unterm Arm und dem Bügeleisen in der Hand. Neckende Buben bekamen die Elle zu fühlen.

   Nebenbei übte der Schneider meist auch das Haareschneiden aus und so wurden, bevor die Schneiderei losging, den männlichen Hausbewohnern: dem Bauern, den Knechten und den Buben mit der unheimlich großen Schneiderschere die Haare gestutzt, was sich die Kleinen, die um ihre Ohren bangten, nur unter Zettergeschrei gefallen ließen.

   Dann beschlagnahmten die Schneider den großen Eßtisch im Herrgottswinkel, der nun für längere Zeit ihr Arbeitsplatz war.

   Mit dem Maßnehmen fing die Arbeit an. Zuerst kamen die Männer dran. Auf dem Tisch lag ein ganzes Stück Durandei samt Zubehör (Knöpfe, starker Hauszwirn und Hirschlederstreifen) bereit. Der Alte zeichnete mit Kreide auf dem Stoffe vor, die Gesellen schnitten die Teile aus.

   Jetzt wurde der Zwirn mit Wachs gewichst, eingefädelt und zu nähen begonnen. Es wurde alles mit der Hand genäht. Es dauerte nicht lange und der Leib, die Ärmel und der Kragen waren fertig. Inzwischen war das Bügeleisen auf dem Herd heißgemacht worden; die fertigen Stücke wurden gebügelt und zusammengenäht.

   Waren die Röcke für die Männer und die Jacken für die Weibsleute gemacht, dann kamen die Leibeln (Westen) für die Männer daran und schließlich die Hosen.

   War so eine Hose fertig, so war sie so steif, daß sie von selbst stand und man hineinspringen konnte. Damit die Knöpfe auch fest hielten, wurden sie mit Hirschlederstreifen angenäht.

   Mit den übrigen größeren Stoffresten wurden die schadhaften Socken und Strümpfe besohlt und besetzt und durchgescheuerte Werktagskleider ausgebessert.

  Schließlich erfolgte dann noch die Anfertigung der Sonntagskleider aus gekauftem Wollstoff.

  Zu den Essenszeiten wurde die Schneiderarbeit vom Tisch weggeräumt und der Bauer und die Bäuerin, Kinder und Dienstboten und die Störleute versammelten sich zum Essen. Dieses war zur Freude aller viel besser als sonst, weil die weit herumkommenden Störleute sonst die sparsame Bäuerin mit treffenden Gstanzl hätten brandmarken können. Da ging es recht lustig zu, denn die Störleute erzählten allerlei aus den Nachbardörfern, kannten vielerlei Schnurren und das Neueste aus der Zeitung; mit der Wahrheit wurde es dabei nicht sehr genau genommen.

   Auch an den Abenden blieb man beim flackernden Kienspan länger auf als gewöhnlich und dann wurden allerhand Geschichten von Räubern und Raubrittern, Hexen und Geistern erzählt, daß den Zuhöhrern die Haare zu Berge standen und es ihnen kalt über den Rücken lief.

   War es endlich Zeit zum Schlafengehen, so wurden für die Störleute in der Stube ein paar Bund Stroh auf den Boden geschüttet und einige Kotzen und Pferdedecken darüber gebreitet.

   So verging schnell eine Woche; der Meister wurde entlohnt und die Störleute zogen lustig, wie sie gekommen, zur nächsten Arbeitsstelle.

    Stand eine Hochzeit bevor und heiratete eine Tochter nach Auswärts, so wurde die Stubeneinrichtung im elterlichen Hause angefertigt. Die hiefür nötigen Pfosten und Bretter hatte der eigene Wald geliefert, gut trocken waren sie schon jahrelang unterm Dach im Schuppen gelegen.

  So wurde der Tischler, der zugleich Anstreicher, Maler und Glaser, oft auch noch Zimmermann war, zur Störarbeit aufgenommen. Eisenbeschläge, Glas und Farben brachte er mit.

  Jetzt wurde die Bauernstube zur Tischlerwerkstätte; den besten Platz hatte die Hobelbank inne.

   Die fertige Einrichtung wurde mit grellen Farben gestrichen und mit farbigen Herzen und Blumen, mit den Anfangsbuchstaben des Namens der Braut und mit der Jahreszahl bemalt.

  Auch der Tischler hatte ein gutes Mundwerk und viel Mutterwitz, war aber auch fleißig und nach zwei Wochen zog er weiter.

   Wo kein Weber im Orte war, da schickte man um den Störweber, auf einem Handwagen brachte er den zerlegten Webstuhl mit. In der Mitte der Stube stellte er den Webstuhl auf; da war aber jetzt schon wirklich wenig Platz.

   Flachs und Schafwolle waren längst gesponnen und lagen in großen Strähnen zum Verweben bereit.

   Der Lärm des Webstuhls und des Spulrades übertönte jedes Geräusch und so unterblieb das Reden.

   Der Weber war meist ein ernster Mann, der recht achtgeben mußte, daß die Fäden sich nicht verwirrten. Hatte er freie Augenblicke, so erzählte er den Kindern kurze Geschichten, lernte ihnen fromme Sprüchlein und gab ihnen Rätsel auf. Unter seinen fleißigen Händen entstanden Leinwand und Durandei.

   Und wenn dann der Webstuhl wieder zerlegt und aufgeladen und der Weber weitergezogen war, lobte jeder seinen Fleiß und seine schöne Arbeit.

   Es kam der Schuster, der Stiefel und Bundschuhe machte und flickte.

Es kam der Binder, der neue Schaffe, Wannen und Butten anfertigte und die schadhaften ausbesserte.

   Es kam der Sattler, der die Pferde- und Ochsengeschirre durchsah und instandsetzte.

   Es kam der Bürstenbinder, der Schweinsborsten und Roßhaar kaufte und in glatzköpfig gewordene Bürsten neue Borsten einzog und

   es kam der Kammmacher, der schon ganz abgenützte "Lauskampl" wieder herrichtete, so daß sie fast wie neu aussahen.

 

Jeder dieser Störarbeiter brachte anderes Werkzeug und andere Hantierungen mit, andere Gerüche und Geräusche, fast jeder hatte ein gutes Mundwerk, konnte gut erzählen und zum Lachen reizen. Manche waren halbe Schauspieler, Bauchredner, Kunstpfeiffer und Zauberkünstler; alle aber waren ehrliche, gute und fleißige Arbeiter, daß das Zuschauen, besonders den Kindern große Freude machte.

   So verging der Winter, mit den beginnenden Feldarbeiten endeten die Störarbeiten.

   Die Poesie der Stör war zu Ende.

 

Von Karl Höfer - aus "Das Waldviertel, Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatpflege",

Jahrgang 1951, Nummer 1.