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Wirtschaftskrisen in Österreich

 

Von Edmund Daniek, aus der Zeitschrift "Das Waldviertel", Jahrgang 1929, Heft 1

 

   Ein Krieg ist nicht nur menschenmordend, er zerstört bekanntlich auch die Wirtschaft der kriegsführenden Staaten und schädigt schwer das Volksvermögen. In Kriegszeiten ist das gesamte Wirtschaftsleben auf die Kriegsführung eingestellt, hernach aber folgt die schwere Stagnation, die Krise. So ist es gewesen im Weltkriege 1914-1918 und wir leiden heute noch schwer unter der Wirtschaftskrise, die ganz Europa bedrückt, so war es aber auch in früheren Zeiten. Als der Dreißigjährige Krieg beendet und der Westphälische Friede anno 1648 geschlossen worden war, glich zeitgenössischen Chronisten zufolge, ganz Deutschland und Mitteleuropa einem ungeheuren Friedhofe. Tausende und abertausende Dörfer sind damals spurlos verschwunden, so daß man zumeist nicht einmal die Namen und die Stelle der von den Schweden zerstörten Ortschaften mehr kennt. Auch im Waldviertel sind eine Anzahl Ortschaften in dieser Zeit des Kriegselendes spurlos verschwunden und ich verweise auf die Ortschaft Dobra bei Wetzles, wo nur die Ruine Zeugnis gibt, daß hier eine gleichnamige Ortschaft gewesen. Damals nach 1648 waren naturgemäß Handel und Gewerbe aufs schwerste beeinträchtigt. Es fehlte an Rohstoffen, der Krieg hatte alles Eisen für sich beansprucht, es gab keine Pflüge, keine Eggen und wer noch über eine alte Sense oder Sichel verfügen konnte, mußte ängstlich darüber wachen, daß sie ihm nicht geraubt wurde. Pferde, Rinder und Haustiere waren zu Seltenheiten geworden und mehr als genug ist es vorgekommen, daß der Bauer mangels eines Zugtieres Weib und Kind vor den Pflug spannte. Ja nicht einmal Blei gab es, um wenigstens das rare Wild in den Wäldern zu erlegen. Ein bezeichnendes Gedicht aus diesen Tagen klagt:

Der Schwed is kommen,

Hat uns alles gnommen,

Hat d`Fenster eingschlagen,

Hats Blei raustan,

Hat Kugeln draus gossen

Und alles verschossen, alles verschossen.

 

   Der Handel hatte außerdem mit argen Gefahren zu kämpfen. Wenn der Kaufmann mit seinen Waren irgendeinen Markt besuchen wollte, so mußte er in seiner Begleitung ein halbes Dutzend handfester Gesellen haben, denn die Landstraßen wimmelten von abgerüsteten Landsknechten, die durch den jahrelangen Krieg jeder Arbeit entwöhnt, raubten und plünderten. Auch in der Waidhofner Umgebung war die Unsicherheit eine sehr große. Aber der damalige Besitzer der Waidhofner Herrschaft, Graf Lamberg, machte mit eiserner Energie Ordnung. Er ließ jeden Straßenräuber und Pferdedieb  am Galgenacker (heute im Besitz der Frau Magschitz) unbarmherzig hängen. Diese unsicheren Zustände dauerten noch jahrelang an und besserten sich erst in den ersten Jahren der Regierung Kaiser Leopolds. Kaum aber hatten sich Handel und Verkehr wieder etwas erholt, erzitterte das Reich unter der Türkengefahr (1683 Belagerung Wiens durch die Türken). Wenn auch das Waldviertel, das damals ja von jedem Verkehr abgeschnitten war, nichts von den Türken verspürte, so stockte dennoch der Handel. Nach der Türkenzeit aber kamen Jahre des Aufblühens. Handwerk und Handel konnten sich wieder voll entfalten und Waidhofen hatte gerade in diesen Zeiten des Friedens, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die jahrelangen preußisch-österreichischen Kriege in der Mitte des 18. Jahrhunderts riefen wieder schwere Stockungen und Wirren im Wirtschaftsleben hervor. In dieser Zeit wurde der Kartoffelanbau im Waldviertel intensiver als bisher betrieben. Die Kartoffel sind im Waldviertel erst vor zirka 160 Jahren eingeführt worden. Der Glasbläser Andreas Kreutzer aus Arbesbach hat sie als erster im Waldviertel angebaut. Die Kartoffel aber fand jahrelang keine besondere Beachtung unter den Bauern, als aber die Herrschaften darauf drängten und der ihnen robot- und zehentpflichtigen Bauernschaft den Kartoffelbau anbefohlen, da wurde es besser. Ein Industriezweig, die Leinenweberei, kam gleichfalls jetzt zur großen Blüte und Groß Siegharts wurde damals schon ein Industrieort. Kaiser Josef der II. hatte den Hauswebern durch ein kaiserliches Patent gestattet, ihre Erzeugnisse selbst zu verkaufen und so wanderten viele hundert Leinweber aus unserer Gegend mit Pferd und Wagen und ihren Waren durch ganz Österreich, ja sehr häufig auch nach Italien und Frankreich. Die Tuchfabriken, dann die Glasfabriken in Nagelberg und Umgebung entstanden in dieser Zeit. Den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwunges folgte wieder ein schwerer Rückschlag durch die napoleonischen Kriege. Österreich war nach der entgültigen Bezwingung Napoleons finanziell und wirtschaftlich vollkommen ausgeblutet. Handel und Verkehr, alles lag darnieder und die Sicherheitsverhältnisse waren skandalös. Während beispielsweise anno 1815 der glänzende Wiener Kongreß tagte, wo alle gekrönten Häupter Europas monatelang anwesend waren, trieb einige Gehstunden von Wien, am anderen Donauufer, der Räuberhauptmann Grasel mit seiner Bande sein Unwesen, ohne das es der Regierung gelungen wäre, ihrer habhaft zu werden. So arg waren die Zustände damals. Der Grasel, um den sich ein ganzer Sagen- und Legendenkranz schwingt, war übrigens auch in unserer Stadt und Umgebung; er hatte in Lichtenberg einen ständigen Unterschlupf, doch eine genaue Darstellung von Grasels Schandtaten in unserer Gegend auf Grund aktenmäßiger Forschungen sei einem anderen Kapitel vorbehalten. Wie konnte der Kaufmann sich getrauen, Waren auf die Märkte zu bringen, wenn er die Bande Grasels fürchten mußte, die heute hier, morgen dort, heute in der Nähe von Wien, morgen an der böhmischen Grenze raubte. In den Zwanzigerjahren begann ein gewaltiger Aufschwung im Handel und Gewerbe. Das war die soviel besungene goldene Backhendlzeit. Die Leibeigenschaft war bekanntlich schon unter Kaiser Josef abgeschafft, aber Robot und Zehent bestanden noch. Der "Herrschaft" gehörte der 10. Teil der Ernte und außerdem mußte von jedem Bauern kostenlose Arbeit für die Herrschaft geleistet werden. Also mußte jedes 10. Korn- oder Hafermandel, der 10. Teil der Kartoffelernte geliefert werden. Es gab Leute, die das Glück korrigieren wollten und jedes 10. Mandel recht schütter machten. Aber die Verwalter und Gutsbeamten ließen sich nicht täuschen. Auch fingen sie nicht immer beim ersten Mandel zu zählen an, sondern begannen die Zählung erst beim dritten oder vierten. Immer verstanden sie es, die Vorteile der Herrschaft zu wahren. Und trotz der damaligen Hörigkeit stieg Österreichs Wirtschaft von Jahr zu Jahr. Das Geld hatte eine große Kaufkraft und die Lebensmittelpreise, sowie die Arbeitslöhne waren sehr gering. Wie billig zum Beispiel das Bauen war: In der Böhmgasse erbaute sich anno 1840 mein Großoheim ein Haus. Der hölzerne Dachstuhl wurde in Zlabings gezimmert. Die Zimmerleute führten ihn von Zlabings nach Waidhofen, setzten in hier auf und alles im allen kostete 40 Gulden. Ein Maurer erhielt damals 10 Kreuzer per Tag und die Kost, ein Zureicher 8 Kreuzer und die Kost. Das Jahr 1848 brachte die Aufhebung des Robots und Zehents. Die Herrschaft Waidhofen fand sich vollkommen mit der gegebenen Tatsache ab, nicht aber der damalige Pfarrer von Waidhofen, Hochwürden Urbanek. Bei dieser Gelegenheit ist es sicherlich angebracht, sich dieses Mannes zu erinnern, der von vielen gefürchtet und doch wieder hochgeschätzt war. Pfarrer Urbanek (Pfarrer in Waidhofen vom Jahre 1835 bis 1870) war dem Urteile alter Leute zufolge ein seelensguter Mensch, wenngleich er sehr raue Manieren hatte. Am Sonntag machte er kurzen Prozeß. Leute, die am Kirchenplatze standen und nicht Miene machten, gleich in die Kirche zu gehen, die trieb er mit der Peitsche in die Kirche. Wenn bei der Predigt Besucher einschliefen, so rief er mit lautschallender Stimme mitten in seiner Predigt den Namen des Schlafenden, um ihn zu wecken. Ja selbst der Mesner hatte den Auftrag, schlafende Kirchenbesucher damit aufzuwecken, daß er sie bei den Haaren beutelte. Das waren, wie gesagt, die rauhen Seiten Urbaneks. Aber er war ein gar tüchtiger Landwirt, der es verstand, den Boden zu verbessern. An Sonntagen, nach dem Gottesdienste kommandierte er Bauern in den Pfarrhof und hielt ihnen dort Vorträge über Bodenverbesserung, über Viehzucht und die Milchwirtschaft. Als im Jahr 1847 eine arge Getreidenot in Waidhofen eintrat, da öffnete Pfarrer Urbanek seine wohlgefüllten Scheuern und verkaufte sein Getreide tief unter dem amtlichen Höchstpreis. Einen Wiener Getreidewucherer, der Schiebergeschäfte mit diesem Getreide machen wollte, den verprügelte Urbanek höchsteigenhändig mit seinem Stocke. Das war wieder der rauhe Urbanek.

   Im Jahre 1870 wurde die eingeleisige Kaiser Franz Josefsbahn eröffnet und das Waldviertel dem eigentlichen Verkehre erschlossen. Der Hauptbahnhof sollte Gmünd werden. Damals schon grollte die Waidhofner Bürgerschaft, warum nicht Waidhofen für die Anlage des Hauptbahnhofes ausersehen sei, denn erstens wäre Waidhofen der ehemals geplanten Hauptstrecke über Groß Siegharts viel näher gelegen gewesen und dann war Waidhofen damals größer als Gmünd. Das k.k. Handelsministerium begründete die Erbauung des Bahnhofes in Gmünd damit, das dies infolge der Terrainverhältnisse notwendig und daher die angeregte Strecke über Groß Siegharts und Waidhofen nicht durchführbar sei. Der wahre Grund jedoch war ein anderer. Im Schlosse Gmünd wohnte Erzherzog Sigismund und dieser wünschte ausdrücklich, daß die neue Bahn durch seine Güter gehe. Also da gabs keine Widerrede, der Bahnhof kam nach Gmünd. Und heute kann Waidhofen froh sein, daß es so gekommen, daß es keinen Hauptbahnhof hat. Beim Friedensschlusse im Jahr 1919 hätten die Tschechen, denen es ja nur um den großen modernen Hauptbahnhof zu tun war, vor Clemenceau und Poincare sicherlich "historisch" nachgewiesen, daß Waidhofen einen alttschechischen Besitz darstelle und so wäre Waidhofen heute tschechisches Gebiet.

   In den nächsten Jahrzehnten 1870 bis 1900 entwickelten sich Handel und Verkehr wohl sehr günstig, doch die Landwirtschaft krankte. Die Bauern hatten keinerlei Organisationen, ihre Erzeugnisse wurden lediglich dem Wiener Agenten und Zwischenhändler verkauft, der die Preise drückte. Schulden auf Schulden häuften sich. Die Zeit des Bauernlegens, der Güterschlächterei war gekommen. Viele tausende und abertausende kleine Landwirtschaften gingen alljährlich zugrunde. Die Felder wurden meist von der Herrschaft um einen Spottpreis erworben, die besitzlos gewordenen Bauersleute zogen in die Städte und vermehrten dort das Industrieproletariat. Im Waldviertel war es im verhältnismäßig noch günstig, doch wie groß das Gütersterben in den übrigen Kronländern Altösterreichs war, das kann man aus folgender Begebenheit erkennen. Im Jahre 1897 sprach in Waidhofen, im heutigen Gasthofe Haberl, der Wiener Reichsratsabgeordnete und Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. Karl Lueger. Er sprach über zwei Stunden über die Notlage der österreichischen Kleinbauernschaft, die zum Großteil ein Opfer des Zwischenhandels und der ungarischen Agrarpolitk sei. Dr. Lueger sagte hiebei: In ganz Österreich, vor allem in der Steiermark und Salzburg, aber auch in Niederösterreich, gehen durchschnittlich 12 kleine Bauerngüteln pro Tag zugrunde. Ich habe jetzt zwei Stunden hier gesprochen, wir können damit rechnen, daß während dieser kurzen Spanne Zeit irgendwo in Österreich ein kleiner Bauer samt seiner Familie um Haus und Hof gekommen ist.