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Die "Feldgrafen" im Waldviertel

Interessant vor allem für all jene unter Euch, die ihr unter euren Ahnen einen Hirten ausgemacht habt,

Hirte war ein durchaus geachteter Beruf.

 

Von Heinrich Hengstberger, Krems - Das Waldviertel, Jahrgang 1958, Heft 11-12

 

  Um es gleich vorwegzunehmen, die "Feldgrafen" waren nicht etwa ein altes Adelsgeschlecht, sondern so hießen bis vor etwa dreihundert Jahren die herrschaftlichen Viehhirten und Schäfer. Das Wort "Graf" hatte im Althochdeuschen (gravo, gravio) die Bedeutung Richter, im Mittelhochdeutschen (grave) Vorsteher (vgl. Deichgraf, Hallgraf) und später beim Viehhirtenvolk Aufseher, Verwalter, Meister.

   Schon in der Bibel wird dem Hirtenamt eine besondere Bedeutung verliehen. Den "Hirten" verkündet der Engel zuerst die Geburt Christi, Christus bezeichnet sich selbst als "guten Hirten" und sein Auftrag an den Apostel Petrus lautete: "Weide meine Schafe!" Seine Nachfolger und Stellvertreter auf Erden haben sich die Bezeichnung "Seelenhirt" beigelegt. Im Mittelalter setzte der Pfarrer unter seine Unterschrift den mit den Anfangsbuchstaben P.f.a.f. abgekürzten Titel Pastor fidelis agnorum fidelium (Treuer Hirt getreuer Lämmer) woraus dann später (in der Reformationszeit) die verächtliche Bezeichnung "Pfaff" entstand.

   Mit diesen Hinweisen soll gesagt sein, daß der Hirtenstand einst ein hohes Ansehen genoß. Daß noch vor wenigen Jahrhunderten auch im Waldviertel das Hirtenvolk eine wichtige Berufsgruppe darstellte, geht daraus hervor, das Kaiser Leopold I. am 22. September 1687 der Schafhirtenzunft zu Krems ein Privileg verlieh, das in 32 Punkten die Rechte und Pflichten der Schafhirten festlegte. Die Originalurkunde in Pergament befindet sich im Kremser Stadtarchiv. Die Zunft war wohl organisiert, sie zerfiel in Bruderschaften und Zöchen. Am Sitze der Obrigkeit befand sich die Zöchlade: eine in Waidhofen a. d. Thaya und eine, die Hauptlade, zu Krems. Bei jeder Lade gab es zwei Zöchmeister. Die Hirten gliederten sich in Lehrlinge, Gesellen "Knechte") und Meister. Im Stadtarchiv von Krems erliegen folgende Zunftbücher: ein  Schafhirten-Knechtbuch (1687), das "Meisterbuch der Schafhirten-Zöch im Viertel ob dem Manhartsberg" (1687), das "Patent der Zöchmeister und der Schafhirten Hauptzöch vom 6. Mai 1721 über den Jahrtag" und aus dem Jahre 1739 ein "Ausgeding- und Freisag-Buch", ein "Knechtbuch" sowie das "Meisterbuch der Schafhirten-Hauptlade zu Krems".

   Aus diesen Urkunden ist vor allem folgendes zu entnehmen: Die Schafhirten des Waldviertels hatten sich mindestens einmal im Jahr, meist am "Corpus-Christi-Tag" (Fronleichnam) in Krems zur Hauptversammlung einzufinden, die mit einer Messe begann. An der hernach stattfindenden Prozession mußten sämtliche Brüder teilnehmen. Hiebei wurde die Zunftfahne vorangetragen, sie wird folgendermaßen beschrieben: "Auf der einen Seite Christus der Herr mit einem Lamm samt Hirtenstab und der König David mit Szepter und Krone, auf der anderen Seite aber die Geburt Christi und das Lamm Gottes auf einem Berg gemalet." (Diese Fahne kam nach Auflösung der Schafhirtenzunft (1780) zur Pfarrkirche, ist aber jetzt weder dort noch im Stadtmuseum vorhanden.) Bei der Fronleichnamsprozession folgten der Fahne die Schafhirten, Stäbe und Kerzen tragend, und der Zöchmeister mit dem Hirtenstabe. Das Nichterscheinen der Hirten bei der Hauptversammlung wurde strenge bestraft; der Meister hatte 2 Pfund Wachs zugunsten der Kirche oder 1 Gulden in Geld zu bezahlen, der Knecht 1 Pfund Wachs oder 30 Kreuzer. - Am Weihnachtstage mußten die Meister mit ihren Knechten und dem Gesinde bei ihrer Lade erscheinen, wo die Lehrlinge aufgenommen und freigesprochen, die Gesellen zu Meistern gemacht und die Beiträge eingezahlt wurden. Der Meister hatte 30 Pfennig, der Knecht 15 Pfennig zu erlegen. Auch Streitigkeiten unter den Hirten wurden daselbst geschlichtet und Vergehen durch die herrschaftliche Schutzobrigkeit bestraft.

   Die Viehhirten waren am Ausgang des Mittelalters noch recht unstete, leichtlebige und, da sie vielfach auch Beziehungen zu den Abdeckern und Henkern hatten, verachtete Leute. Daher wurde außer zur wirtschaftlichen, vor allem auch zur sittlichen Hebung der Hirten von Kaiser Leopold I. (1658-1705) die eingangs erwähnte Zunftordnung erlassen, nach der den Hirten der Verkehr mit solchen unehrlichen Leuten verboten war und strenge bestraft wurde. Diesbezüglich heißt es dort im Punkt 8: "Welcher Schafhirt in seiner Wohnung, Haus oder Hof Schergen oder andere herumschweifende verdächtige Leute aufhielte und dessen überwiesen wurde, soll das erste Mal um 2 Pfund Wachs gestraft, das andere Mal von der Bruderschaft gänzlich ausgeschlossen und verstoßen werden."

   Die Berufsbezeichnung "Feldgraf" erscheint im "Privileg" von 1687 nicht auf und kommt auch in den oben genannten Zunftbüchern nicht vor, wohl aber bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in den Kirchenbüchern, in denen die damals allgemein gebräuchlichen Berufsbezeichnungen getreu vermerkt wurden. Ich beziehe mich dabei auf die Matriken der alten Großpfarre Meidling im Kremstal, zu der einst nicht weniger als 19 Orte gehörten. So lesen wir dort, daß sich am 29. Jänner 1664 der "Feldtgraff zu Leowein" (Loiwein) Peter Hartner als Wittiber mit der Wittib Maria vermählt hat und daß am 21. Juli 1662 dem Loiweiner Feldgrafen der Herrschaft Brunn a.W. Peter Forster seine Gemahlin Elisabeth zu Grabe getragen wurde.

   Die Hirtenfamilien hatten ein gewisses Standesbewußtsein, sie heirateten meistens untereinander. So ehelichte am 8. April 1698 Michael Flehner, ein Sohn des "Schaffhuerten" Lorenz Flehner zu Taubitz, Juliana,  eine Tochter des Schafhirten Adam Obrist zu Lichtenau; Trauzeugen waren wieder nur Schafhirten: Christoph Göz von Brunn, Christoph Rausch von Albrechtsberg und Johann Georg Obrist von Allentsgschwendt. Bei dieser "exklusiven" Hochzeit mag es wohl gar hoch hergegangen sein.

   Nicht selten rückten Hirten auch zu Bauern auf. Johann Michael Will, laut Kremser Meisterbuch seit 1770 Schafmeister der Herrschaft Felling-Hohenstein, ehelichte nach dem 1774 erfolgten Ableben seiner Gattin Theresia, geboren Meyringer, einer Schafsmeistertochter zu Feling, noch im gleichen Jahre Elisabeth, Tochter des Johann Peter, Ortsrichters von Hohenstein, und erwarb eine ansehnliche Bauernwirtschaft in Taubitz (Nr 2). Schafmeister Will hatte in Felling auf dem "Schafberge" im herrschaftlichen "Schafhause" gewohnt, wie es noch in den Grundbüchern 1787 und 1824 bezeichnet erscheint. Dieses Haus wurde erst im Jahre 1890 als baufällig niedergerissen; jahrzehntelang waren aber noch die Hausgrundmauern zu sehen, bis seine letzten Reste beim Neubau der Volksschule  Verwendung fanden.

   Außer der Herrschaft hatte fast in jedem Orte auch die Gemeinde einen Halter, der meist im gemeindeeigenen Hause wohnte. Als "Gmain Halter Hauß" wird im Grundbuche von 1787 z.B. in Felling das am Südwestende des Dorfes im "Lohgraben" gelegene Haus Nr 27 bezeichnet. Auch in Taubitz verzeichnet das Josefinische Grundbuch ein "Halterhaus", das an dem das Dorf durchfließenden "Halterbach" in seiner ursprünglichen Gestalt und strohgedeckt noch heute dort steht und, obgleich es dermalen privaten Wohnzwecken dient, noch immer Halterhaus genannt wird. Erst im Jahre 1855 wurde das Eigentumsrecht an diesem Häuschen grundbücherlich von der Herrschaft Brunn zugunsten der Gemeinde Taubitz einverleibt, was außerdem besagt, daß vor diesem Zeitpunkte daselbst auch die Halter herrschaftlich waren.

   Wie schon erwähnt, wurden die Hirtenzünfte im Jahre 1780 (von Kaiser Josef II.) aufgelöst. "Die Auflösung geschah unter anderem auch deshalb, weil die Gemeinden nicht unbekannte Halter aufnehmen wollten, sondern lieber Inleute, Tagwerker oder Kleinhäusler aus ihrem Dorfe bestellten. Damals wurde den Gemeinden auch empfohlen, darauf zu sehen, daß die Halter lesen und schreiben können und sie vom Aderlassen, Maulräumen, Schnurziehen und Windbeulenstechen etwas verstehen, was sie beim nächsten Pferdeschmied lernen können; auch sollten die an Seuchen verendeten Tiere in Gegenwart der Halter geöffnet werden, daß sie die von der Krankheit angeriffenen Organe sehen und so Krankheiten zu erkennen und verhüten lernten". (Dr. Heinrich Rauscher, Geschichte des bäuerlichen Wirtschaftslebens, in: Dr. Stephan, "Das Waldviertel", 7. Band, Seite 166). 

   Von einem solchen Gemeinde-Schafhalter weiß in meinem Heimatdorfe Felling die mündliche Überlieferung Näheres zu berichten. Er hieß Groiß, übrigens der Name einer Bauernsippe, die im benachbarten Dorfe Taubitz seit 1724 erbeingesessen ist. Dieser Schäfer pflegte am Morgen mit einer Peitsche knallend im Dorfe von Haus zu Haus zu gehen, um die Schafe zu sammeln. Auf dieses Zeichen hin ließen die Besitzer ihre Schafe zum Tore hinaus. Als Weidezeit waren üblich die Monate Februar bis Mai und die Herbstmonate Oktober und November, bis Schneefall eintrat. Als Entlohnung erhielt der Halter für einen Zeitraum von zehn Tagen einen Kreuzer für jedes Schaf. Groiß wird als gar frommer Mann geschildert, der auch während seiner Hirtentätigkeit fleißig betete, er hatte jedoch die Gewohnheit, in seine Gebete bisweilen Flüche in folgender und ähnlicher Weise einzuflechten: "Vater unser, der du bist im Himmel ... (zu den Schafen gewendet, fortfahrend) ... geh´, du Rabenvieh, du verdammtes, du!" Er besaß einen großen Schäferhund, den er ständig bei sich hatte. Wenn auf der Weide ein Mutterschaf Junge bekommen hatte, pflegte der Hund die Lämmlein dem Besitzer ins Haus zu tragen, wofür er natürlich einen guten Bissen bekam. Auch das Beschneiden der Widder war Aufgabe des Schäfers. Hiebei trennte er die Hoden nicht mit einem Messer ab, sondern tat dies mit den Zähnen. Dadurch sollte, wie er vorgab, verhütet werden, daß die Tiere infolge des Eingriffes eingehen. --- Auf dem "Tennbigl", wo er den Voglfang betrieb (Vogltenn), hatte er eine Sonnenuhr angefertigt, die ihm --- mangels einer Kirchturm- oder Taschenuhr --- die Tageszeit anzeigte.

    Es mochte in vielen Fällen zutreffen, daß so ein alter Hirte infolge der engen Verbundenheit seines Lebens mit der Natur um die Heilkräfte von Pflanzen und Wurzeln für Menschen und Tiere, um die Zusammenhänge von bevorstehenden Wetterveränderungen mehr wußte als die übrigen Dorfbewohner, daß aber auch infolge der Einsamkeit und des mangelnden Umganges mit Menschen sein Wesen schweigsam, grüblerisch und oft absonderlich wurde.

    Nach dem Tode des Groiß (in den Achtigerjahren des vergangenen Jahrhunderts) wurde das Schafehüten in der bis dahin üblichen Weise aufgelassen, weil die Entlohnung dem Halter zu gering war und die Besitzer höhere Beträge nicht zahlen wollten. Das Schafehalten wurde nun von der Dorfjugend übernommen.

   Ich erinnere mich noch lebhaft des ungebundenen, fröhlichen Treibens in meinen Kindheitstagen, wenn unser 10 bis 15 Buben im Vorfrühling auf den sonnigen Wiesen und Halden gemeinsam die gesamten Schafe und Ziegen des Dorfes hüteten. Dabei wurden die hohen Felsblöcke erklettert, die allenthalben, wie für uns geschaffen, den Weideplatz bedeckten, und die nahen Wälder boten uns mit ihrem Dickicht viel Gelegenheit zum Jagd- und Versteckenspiel. Auf sonnigen Plätzen wurde aus Stein, Erde und Holz kleine Wohnhüten gebaut und eingerichtet sowie die verschiedenartigsten Spiele betrieben, wie Titschkerln, Stoppeln, Ballestern und andere mehr, ferner wurden am Bergbächlein Wasserräder verfertigt und hiezu ganze Anlagen errichtet, wie Hammerwerke, Windräder usw. Aus der dürren Waldrebe, Lirsche genannt, schnitten wir an den dicksten Stellen zigarrenlange Stücke heraus und rauchten diese. Wenn dann die jungen Weiden in Saft gingen, verfertigten wir allerhand "Musikinstrumente", wie Pfeifferl, Flöten, "Dröhnerl" und (in Nachahmung des "Bullhörndls" des Gemeindehalters von einst) Hörner, indem wir unter mystischen Sprüchen und Versen die Rinde der Weidenruten auf den Knien locker klopften und sie dann in ihrer Gänze abzogen. Mit einer großen Anzahl solcher "Instrumente" ausgerüstet, hielt am Abend die Bubenschar, die Schafe vor sich hertreibend, lärmend ihren Einzug ins Dorf.

    Wenn auch im Dorfe diese Jugendromantik - gleich der Schäferromantik - in der heutigen nüchternen materialistischen Zeit bereits verklungen ist, so schwebt doch - bei geschichtlicher Rückschau - über das ganze Hirtenleben noch immer der Hauch eines geheimnisvollen Zaubers, der sich sozusagen aus den Anfängen des Menschengeschlechtes über die Jahrtausende hinweg bis in unsere Tage herübergerettet hat.