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Die Mär von der "gutem alten Zeit" !

 

   Wie oft wurden oder werden wir an die so "gute alte Zeit" erinnert.  Dies ist eine Erinnerung an eine vielbesungene und beschriebene Zeit, die für die meisten Menschen in Wahrheit alles andere als gut war. Heute gibt es eine mehr oder weniger gut funktionierende Gesundheitsversorgung. Dasselbe gilt auch für das Schulwesen und die Betreuung und Versorgung im Alter. Burn Out kannte man damals zwar noch nicht, aber die meisten Menschen haben sich krumm und krank gearbeitet. So landete damals so mancher ältere Mensch als sogenannter "Pfründner" in der Betreuung der Gemeinde oder einer sonstigen Organisation. Als solcher war er eine Last für die Allgemeinheit und das wurde ihm auch in den meisten Fällen so vermittelt. Am Schlimmsten waren die Zustände im 19. Jahrhundert in der beginnenden Industrialisierung in den viel zu schnell wachsenden Metropolen.

 

   So hat sich die Bevölkerung Wiens, der Hauptstadt des Habsburgischen Vielvölkerreiches durch den Zuzug von Migranten aus allen Teilen der Monarchie und Eingemeindungen von Vororten und Vorstädten in der Zeit zwischen 1850 und 1910 vervierfacht und erreichte ein Zahl von über 2 Millionen. Davon waren 65% "fremdbürtig", also nicht in Wien geboren. Die starke Zuwanderung war vor allem durch zwei Volksgruppen geprägt: den Tschechen und den Juden. Etwa 25% stammten aus Böhmen, Mähren, Schlesien und der Slowakei. Anders als die Migranten aus den böhmischen Landen und Galizien galten die Ungarn ab 1867 als "Ausländer". Dabei wurden den Ungarn statistisch nicht nur die Magyaren, sondern auch die der ungarischen Reichshälfte zugehörigen Slowaken, Kroaten, Deutsche usw. zugeordnet. Wien wurde dadurch zeitweise zur viergrößten Stadt der Welt und nach London und Paris zur drittgößten Stadt Europas. Durch die massenhafte Zuwanderung - zunehmend begünstigt durch den raschen Ausbau der Eisenbahnverbindungen - veränderte sich das Stadtbild für die einheimische Bevölkerung. Durch ihre Sprache und Kleidung waren viele Zuwanderer deutlich als "Ausländer" erkennbar, ebenso heute durch die angespannte Flüchtlingssituation. Diese Zunahme wirkte und wirkt auch heute für viele Wiener und Wienerinnen verstörend, die gute alte Zeit scheint somit entgültig vorbei zu sein. Diese Grundstimmung fand sich schon in so manchem Wienerlied aus der damaligen Zeit, wie z.B. in "Pfiat die Gott du alte Zeit".

 

   Ein besonderes Beispiel für die Lebensumwelt im alten Wien ist das Wiental. Wien war zur Zeit der Jahrhundertwende 1900 außerhalb der Innenstadt und einiger Bezirke innerhalb des heutigen Gürtels eine überaus laute, schmutzige und übel riechende Stadt. Dies betraf in besonderer Weise den Wienfluß und seine Umgebung. Bis zu ihrer Einmündung in den Donaukanal durchquert die Wien damals wie heute auf einer Strecke von 34 km insgesamt neun Wiener Bezirke. Im Nahbereich dieses für Wien so bedeutenden Wasserlaufes siedelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht nur Betriebe, sondern auch immer mehr Menschen an. Das gesamte Abwasser und die Fäkalien aus den Anrainergebieten gelangten ungereinigt in den Wienfluß. Auch die entlang des Wienflußes angesiedelten Industrie- und Gewerbebetriebe leiteten Abwässer und Abfälle ungereinigt in den kleinen Fluß. Jahrzehntelang herrschten für die entlang des Wientals ansässige Bevölkerung katastrophale Lebens- und Arbeitsbedingungen. Fast das gesamte 19. Jahrhundert war der Fluß ein unratbeladenes, faulendes und stinkendes Gewässer. Nach einem Hochwasser waren die Brunnen der angrenzenden Häuser regelmäßig verseucht, in Hitzeperioden herrschte Niedrigwasser, die Ufer bis in die Innenstadt waren mit Unrat und Tierkadavern übersät. Der zu einer Kloake verkommene Wienfluß stank buchstäblich zum Himmel.

 

   Schmutz und Gestank herrschte in praktisch allen Vororten. Es gab keine funktionierende Straßenreinigung und keine effiziente, organisierte Müllabfuhr. Die Beseitigung des Drecks der Großstadt wurde die längste Zeit den Mistbauern überlassen. Noch dazu wurde überwiegend mit Holz und Kohle geheizt und gekocht. Wer entlang von Gleiskörpern der Eisenbahn oder der Stadtbahn wohnte, konnte wegen der starken Rauch- und Rußbelastung durch die Lokomotiven kaum ein Fenster öffnen. Im Winter herrsche ohnehin "dicke Luft". Wien war nur für den Adel und das (gehobene) Bürgertum eine attraktive, lebenswerte Stadt. Nur die Reichen konnten sich der Hitze und dem Lärm der Großstadt über den Sommer entziehen. Man fuhr Dank guter Eisenbahnverbindungen in die Sommerfrische, in das Kamptal, auf den Semmering, die Rax oder ins Ausseerland oder suchte die Nobelkurorte an der "österreichischen Riviera" auf. Der Großteil der Wiener (bzw. der Österreicher) hatte damals ganz andere Sorgen, man kämpfte buchstäblich ums tägliche Überleben. Dies galt für rund 80 % der Bevölkerung. 

 

   Der Grund für die massenhafte Zuwanderung jüdischer Menschen nach Wien war das relativ tolerante Klima, das durch eine entsprechende Gesetzgebung gefördert wurde, und der großen Armut in ihren Herkunftsgebieten. Sie kamen vorwiegend aus den östlichen Teilen der Monarchie, besonders aus Galizien. Vor 1848 durften Juden in Wien gar nicht wohnen, nur den sogenannten "Tolerierten" war dies gestattet. 1852 wurde die Gründung einer jüdischen Gemeinde in Wien erlaubt. Den jüdischen Mitbürgern war ursprünglich auch der Erwerb von Grund und Boden untersagt. Erst ab 1860 wurde ihnen dies gestattet, sie konnten nun wie alle anderen Bürger unbewegliche Güter erwerben. Durch die liberale Dezemberverfassung von 1867 wurde den Juden auch ungehinderter Aufenthalt und Religionsfreiheit gewährt. Die rechtliche Gleichstellung führte dazu, dass Wien sowohl für reiche als auch arme Juden ein Anziehungspunkt wurde. Die Leopoldstadt war das Einwanderungsviertel der Juden schlechthin. Bei ihnen handelte es sich meist um arme Menschen. Sie waren vor allem Hausierer und kleine Kaufleute, der Zugang zum Handwerk war ihnen ja lange Zeit verwehrt. 

 

   Unter den Zuwanderern in Wien waren natürlich auch viele Waldviertler und Menschen aus unserer Pfarre. Wieviele es waren, lässt sich heute kaum mehr feststellen und nur ganz wenige werden ihre Situation als Taglöhner, Stubenmädchen gemeistert oder verbessert oder gar ihr Glück gemacht haben.

 

   Der Anteil der Wohnungsmiete am Einkommen war bei den armen Familien besonders hoch. Ein Viertel bis ein Drittel des Einkommens mußte allein für die Miete einer kleinen Elendswohnung ausgegeben werden. Oft musste daher ein Bett an einen sogenannten Bettgeher vermietet werden, also Menschen die sich selbst kein eigenes Zimmer leisten konnten. Um 1910 hatten etwa 200.000 Wienerinnen und Wiener keine eigene Wohnung. 80.000 davon waren Bettgeher. Bei großen Familien mußten sich zwei oder drei Kinder ein Bett teilen oder schliefen im Bett der Eltern. Dazu kamen noch fremde Personen, welche ein Kabinett oder ein Bett gemietet hatten. Der einzige verbliebene Raum mußte oft für Heimarbeit genutzt werden. Das Schlafzimmer - falls überhaupt vorhanden - wurde nicht geheizt, weil der einzige Ofen in der Küche stand. Aufgrund der großen Nachfrage wurden im Wien der Jahrhundertwende 1900 vor allem in den Vororten die berüchtigten Mietzinskasernen gebaut mit teilweise gefälligen Fassaden, die in ihrem Inneren jedoch die schrecklichsten Wohnverhältnisse boten. Diese Zinshäuser ersetzten im stark wachsenden Wien der Gründerzeit nach und nach die gesamte noch dörflich geprägte Bebauung der damaligen Vorstädte. Es entstanden trostlose, rasterförmig angelegte Wohnviertel mit dunklen und engen Hinterhöfen, Gangküchen, der Bassena  (Wandbrunnen) als einzige Wasserquelle am Gang eines Stockwerks und einem Gemeinschafts-Abort, vieleicht auch noch ein Plumpsklo im Hof. Typisch waren die Küche-Kabinett-Wohnungen, in denen sechs bis acht Leute unter desolaten hygienischen Verhältnissen auf engstem Raum hausten. Diese Wohnverhältnisse der damaligen Wiener Unterschichtbevölkerung kann man nur als entsetzlich bezeichnen. Krankheiten, Seuchen waren ein ständiger Begleiter. Der Branntweiner war häufig die erste Anlaufstation vor Arbeitsbeginn. Diese Art von Lokalen war im alten Wien vor allem in den Außenbezirken häufig anzutreffen. Alkohol war für die armen Menschen kein Genußmittel, sondern diente zur Betäubung und half über den tristen Alltag (scheinbar) hinweg. Andauernder Alkoholkonsum zerstörte natürlich die Gesundheit genauso wie die Familien.

 

   Als besondere Elendsviertel erwiesen sich die Bezirke II, Leopoldstadt, X, Favoriten, XI, Simmering, XII, Meidling, XVI, Ottakring mit einer Einwohnerschaft von bis zu 142.000 (Leopoldstadt), während der 1. Bezirk - die Innenstadt - 58.500 Einwohner zählte. Das Problem der Arbeits- und Unterstandslosen versuchte man mit Massenabsteigen und Elendsquartieren zu mildern, in denen allzu oft ganze Familien logieren mußten, wenn sie kein Einkommen und kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Viele waren gezwungen in der Kanalisation, soweit es sie damals schon gab, unter Brücken oder in den Praterauen zu nächtigen. 

 

Auszugsweise aus der Schrift " Im Schatten der Ringstraße - das andere Wien um 1900",

von Dr. Helmut Walla.

 

Zum Abschluß noch ein anderer Ausflug in die gute alte Zeit, da ja gerade auf der Schallaburg die Islam-Austellung stattfindet. Der Islam war ja in der Monarchie des 19. Jahrhunderts bis 1878 kein Thema. Erst mit der in diesem Jahr durchgeführten Okupation der osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn, zu der die Doppelmonarchie vom Berliner Kongress zur Bereinigung der "orientalischen Krise" ermächtigt worden war, kam es zu neuen, nun "inländischen" Verbindungen mit dem Islam. Auf Grund der neuen Verhältnisse - lebten 1908 rund 600.000 Muslime im Vielvölkerreich - wurde der Islam in der Monarchie als gleichberechtigte Religion anerkannt, und damit war sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts der einzig christlich dominierte Staat, der gesetzlich geregelte Beziehungen zu einer muslimischen Glaubensgemeinschaft unterhielt. Das führte unter anderem dazu, daß in den Schulen muslimischer Religionsunterricht erteilt werden konnte und in der Armee ein Militär-Iman installiert wurde. Übrigens waren im ersten Weltkrieg die Militärs der Doppelmonarchie besonders stolz auf ihre mutigen Bosniaken, deren Uniformen aus einer Hose mit tieferem Schnitt, Jacke und Fes bestand. Ein in Südtirol eingesetztes bosnisch-herzegowinisches Infanterie-Regiment war nämlich das höchst dekorierte im ersten Weltkrieg. Den Grundstein für die religiöse Toleranz hatte schon Kaiser Josef II. (der Sohn Maria Theresias) rund 200 Jahre vorher mit dem josephinischen Toleranzpatent von 1781 gelegt. Das später unter Kaiser Franz Joseph I. erlassene "Islam-Gesetz"  blieb dann bis zu seiner Novellierung vor zwei Jahren weitgehend unverändert in Kraft.

 

 

Otmar Schuster, im Juli 2017