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GMÜND - eine Stadt mit besonderem Schicksal

 

 

   Viele Jahrhunderte war die 1208 erstmals urkundlich erwähnte und von den Kuenringern gegründete Stadt eine beschauliche Kleinstadt. Das Bürgertum prägte die örtliche Politik und die Industrialisierung machte sich nur schleichend bemerkbar. 

 

    Weltgeschichte wurde in all den Jahrhunderten in Gmünd nie geschrieben - und dennoch spiegeln sich in der Stadt mit ihren heute ca 5.500 Einwohnern die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts im Kleinen so kompakt wieder, wie kaum wo sonst in Österreich. Es gibt in Mitteleuropa nur wenige Kleinstädte, deren historische Entwicklung so eng mit der Weltgeschichte verbunden ist, wie jene in Gmünd. Im Besonderen gilt dies für Gmünd-Neustadt. Seit dem Bestehen war die Entwicklung dieses Stadtteiles eng mit den weltgeschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts und deren Auswirkungen verbunden.

 

  Die erste Zäsur dafür war die Eröffnung der Franz-Josefs-Bahn, die ab 1871 die Monarchie-Metropolen Wien und Prag auf kürzestem Wege miteinander verband. In Gmünd, auf gut halben Weg dazwischen gelegen, wurde der größte Bahnhof zwischen den beiden Städten errichtet. Auch die zentrale Eisenbahn-Werkstätte für die Wartung und Reparatur der Schienenfahrzeuge mit an die 1000 Mitarbeitern wurde hier in Betrieb genommen. Eine neue Siedlung war geboren - Unterwielands, das Viertel um diesen neuen Bahnhof. Innerhalb von vier Jahrzehnten wurde Gmünd vom beschaulichen Ackerstädtchen zur Industriestadt.

   

Böhmische, deutsche und tschechische Unternehmen siedelten sich an. Gmünd wurde zum Zentrum der Textil-, aber auch der Steinindustrie. Durch die Bahnverbindung war erstmals die Rohstoff-Ausfuhr im größeren Stil möglich. Hunderte Arbeiter bauten in den umliegenden Steinbrüchen Gmünder und Schremser Granit ab, mit dem dann unter anderem die Wiener Stadtbahn erbaut, der Wienfluß reguliert und dutzende Brücken in Wien und Budapest errichtet wurden. Die Stadt schickte sich an ihren Platz im Weltverkehr einzunehmen - in der Mitte zwischen den beiden größten Städten der österreichischen Reichshälfte Wien und Prag.

 

   Das Zentrum dieser Dynamik waren der Bahnhof und das Viertel rund um ihn: die Gemeinde Unterwielands. Es war schließlich genau dieser Bahnhof, der Gmünd zur Grenzstadt machte. Bereits in der Proklamation der Tschechoslowakischen Republik vom 28. Oktober 1918 war der Gmünder Bahnhof als Teil des Staatsgebietes definiert - für die neue Republik war er von großem strategischen Interesse. Gmünd die dazugehörige Stadt, war es Gottseidank nicht. Der Friedensvertrag von Saint Germain schuf schließlich Fakten - der Bahnhof wurde der Tschechoslowakei zugesprochen. Hunderte österreichische Eisenbahner verloren ihren Arbeitsplatz am Bahnhof oder in der Bahn-Werkstätte. In langwierigen und teilweise auch von gewalttätigen Angriffen begleiteten Verhandlungen wurde schließlich der konkrete Grenzverlauf festgelegt. Das Ergebnis, das am 31. Juli 1920 rechtswirksam wurde: Neben dem Gmünder Bahnhof wurden auch dreizehn mehrheitlich deutschsprachige Gemeinden des gesamten Bezirkes Gmünd dem tschechoslowakischen Staatsgebiet zugeordnet.

   Dieses Gebiet (tschechisch Vitorazska) umfasste die Orte Unterwielands/Ceske Velenice, Rottenschachen/Rapsach, Witschkoberg/Halamky, Tannenbruck/Trnpnouze, Schwarzbach/Tust, Beinhöfen/Dvory nad Luznici, Gundschachen/Kunsach, Erdweis/Nova Ves nad Luznici, Abbrand/Spaleniste, Zuggers/Krabonos, Sofienwald/Zofina Hut, Weissenbach/Vysne und Naglitz/Nakolice (damit befanden sich unn der Bahnhof Gmünd (Niederösterreich), und die beiden aus Böhmen auf ihn zulaufenden Strecken auf tschechischem Gebiet).

   Die Stadt Gmünd mit den verbleibenden Gemeinden des Bezirkes wurde zu einem Teil von Deutschösterreich. Etwa 13.000 Bewohner leisteten Widerstand - allerdings zwecklos. Gmünd wurde zur Grenzstadt, aus Unterwielands wurde die Nachbarstadt Ceske Velenice.

 

   Wer weiter österreichischer Bürger bleiben wollte, hatte bis Ende 1920 Zeit, seinen Grund und Boden in der Tschechoslowakei zu verlassen. Viele davon fanden Zuflucht in einem ehemaligen Flüchtlingslager, das bis Ende des Ersten Weltkrieges Flüchtlingen aus der Bukowina und Galizien Zuflucht geboten hatte. Dort fanden die Flüchtlinge aus der nunmehrigen Tschechoslowakei Unterkunft - die Geburtsstunde der Gmünder Neustadt. 

   In Gmünd wurde eilig eine Bahnhaltestelle - der heutige Gmünder Bahnhof - errichtet. Der Zugverkehr litt allerdings unter den Zollkontrollen. Prominenter Leidtragender war der Dichter Franz Kafka (1883 - 1924), wenn er sich mit seiner Geliebten Milena Jesenska im tschechischen Teil von Gmünd treffen wollte.

   Die Grenze hatte vorerst nur 18 Jahre lang Bestand. Am 1. Oktober 1938 besetzten deutsche Truppenn Ceske Velenice, man vereinte die Stadt mit Gmünd - aus Ceske Velenice wurde neben der Altstadt und der Neustadt während der Nazidiktatur bis 1945 Gmünd III. Die meisten zugezogenen Tschechen flüchteten, die Juden wurden vertrieben oder in die berüchtigten Lager gebracht. Die meisten Gmünder sahen die Wiedervereinigung als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht - Plünderungen von tschechischem Eigentum standen damals ebenso auf der Tagesordnung. Die Grundlage für das, was sieben Jahr später passierte, war gelegt: nur fünf Tage nachdem die Rote Armee im Mai 1945 besetzt hatte, begann eine tschechische Partisaneneinheit mit der "Säuberung" von Gmünd III - innerhalb von nur drei Stunden mussten alle Deutschsprachigen die Stadt verlassen haben. Wer Widerstand leistete, wurde mißhandelt, manche auch erschossen. Aus Gmünd III wurde wieder Ceske Velenice, Gmünd erneut zum Flüchtlingslager. Mehr als 10.000 Vertriebene saßen in diesen Maitagen 1945 in der Stadt fest. Die Situation schilderte der damalige Leiter der eingerichteten städtischen Flüchtlingsabteilung so: "Frauen, Kinder, Greise, von der deutschen Wehrmacht mitgeschleppt, dann auf der Flucht im Stich gelassen, lagerten zu Tausenden auf der Wiese vor dem Bahnhof. Hungrig, zerrissen und ihrer letzten Habe beraubt, waren diese Menschen zu allem fähig. Es galt nun eine Katastrophe zu verhindern, diese Leute zu beruhigen, zu verpflegen und unter ein Dach zu bringen." Die meisten Menschen wurden in weiterer Folge nach Wien und später nach Deutschland geschleust. Nur wenige blieben in Gmünd, wohl aus Mangel an Perspektiven. Diese Perspektiven schwanden in den folgenden Jahrzehnten mit jedem Jahr, in dem der "Eiserne Vorhang" dichter wurde - aus der einst blühenden Stadt zwischen Wien und Prag, wurde eine Stadt am Ende der freien Welt, an einer todbringenden Grenze.

  

 Gmünd, eine der größten Flüchtlingsstädte der Monarchie  

 

   Die offiziellen statistischen Angaben der k. und k. Behörden beziffern die Flüchtlinge im Jahr 1915 mit 600.000 zuzüglich 400.000 offizielle Heimatlose. Sie wurden in Lagern, anfangs getrennt nach Nationalität, in den Kernländern der Monarchie untergebracht. Allein in Niederösterreich befanden sich an die 50 solcher Lager, eines der größten war in Gmünd mit bis zu 30.000 Insassen. Aber nicht nur im Lager Gmünd gab es Flüchtlinge, auch in vielen umliegenden Orten des Waldviertels waren Flüchtlinge untergebracht, so fanden in den vier Gasthäusern Hirschbachs bis zu 131 Flüchtlinge vorübergehend Unterkunft. Insgesamt fanden bis 1919 rund 200.000 Menschen hier in Gmünd eine Zuflucht. Hier waren hauptsächlich Ruthenen aus Galizien (heute Westukraine) untergebracht. Die Gmünder Neustadt entstand später aus dem Lagerkomplex. In Gmünd fand man ideale Voraussetzungen für eine Flüchtlingslager dieses Ausmaßes: Gesicherte Trinkwasserversorgung, ausreichendes Holzvorkommen, erschwingliche Gründe und die Anbindung an das Eisenbahnnetz gaben den Ausschlag für die Errichtung des 55 Hektar großen Areals. "Wer durch das Tor trat, betrat eine ukrainische Stadt im Waldviertel", so Mitautor Harald Winkler des Buches "Am Anfang war das Lager". Aus der Zeit des Flüchtlingslagers existieren noch einige Gebäude: das Wasserreservoir, das Wachgebäude gegenüber, die Lagerverwaltung (heute Geschäftslokale) sowie die Schwesternheime und das Portierhäuschen des Lagerportales. Auch das Tor ins Füchtlingslager ist bis heute erhalten.

 

   Bemerkenswert ist, dass von den hier durchgeschleusten Flüchtlingen niemand hier bleiben wollten. Soferne sie den Lageraufenthalt überlebten kehrten sie nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurück oder wanderten nach Amerika aus. Nur ein einziger Fall ist belegt, dass ein Kind hier zu Pflegeeltern kam und sich später im Raum Groß Siegharts angesiedelt hat und auch hier verstarb.

 

   So enstand hier im Herbst 1914 in Gmünd eines der größten Flüchtlingslager der Monarchie. Etwa 200.000 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Galizien, waren im Verlauf des Ersten Weltkrieges in diesem Lager untergebracht. Am 23. August 1914 begannen in Galizien die Schlachten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie mit dem Kaiserreich Russland. Nach anfänglichen Erfolgen wurde der Krieg hier rasch zur bitteren Niederlage, von der sich die k. u k. Armee nicht mehr erholen sollte. Hunderttausende Menschen waren zur Flucht in die anderen Kronländer gezwungen. An die 30.000 Flüchtlinge fanden in dem noch heute existierenden Lagerfriedhof ihre letzte Ruhestätte. Insbesondere Kinder und alte Menschen starben auf Grund von Mangelernährung und an diversen Krankheiten. Überhaupt war die Ernährung der Flüchtlinge eine logistische Herausforderung, der die Lagerverwaltung kaum gerecht werden konnte. Auch ein Grund, warum soviele Flüchtlinge in Gmünder Erde ihre letzte Ruhe finden mussten. Nach dem Ende des Weltkrieges entstand aus dem Lager die Neustadt.

 

   Mit dem Fall des "Eisernen Vorhanges" und dem Schengener Abkommen rückte Gmünd wieder dorthin, wo es hingehört - in die Mitte Europas. Mit Ceske Velenice verbindet heute nicht nur der Grenzfluß Lainsitz, sondern auch eine Städtepartnerschaft. Die Abwärtsspirale der vergangenen Jahrzehnte ist durchbrochen, Gmünd wächst wieder, die Arbeitsplätze werden mehr. 

 

Auszugsweise aus der NÖN Edition Geschichte   

 

 

Im Internet: Vergangenes Gmünd

 

Otmar Schuster, Seite einsehbar seit 1.03.2018