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Das Eisenbahnunglück vom 4. November 1875 bei Schwarzenau  

 

 Edmund Daniek, Aus der Heimat, Jahrgang 1929, Heft 6

 

 

    Am Morgen des 5. November 1875 übermittelte der Telegraph die Mitteilung, daß sich in der Nähe der Station Schwarzenau ein größeres Eisenbahnunglück ereignet habe. Eine weitere Darstellung wurde um diese Stunde noch nicht ausgegeben, da das k. k. Handelsministerium (ein Eisenbahnministerium gab es damals noch nicht) mit der eigentlichen vollen Wahrheit zurückhalten wollte. Umsomehr jagte eine Gerücht ums andere in Wien und ganz Österreich, denn man erzählte sich von zwei zusammengestoßenen Zügen, die mit 300 Personen vollständig verbrannt seien, usw. Gerissene Wiener Börsespekulanten nützten diese Situation augenblicklich aus, indem sie die Kurse der Aktien der k. k. priv. Kaiser Franz-Josefsbahn sofort um 15 Gulden herunterrissen, um dann später, beim Steigen der Aktien ein glänzendes Geschäft zu machen. Erst einige Wiener Abendblätter des 5. November, sowie alle Wiener Morgenblätter des 6. November 1875 brachten eine ausführliche Darstellung der Eisenbahnkatastophe von Schwarzenau. Folgendes war geschehen: Der um 7 Uhr Abends von Wien nach Prag abgehende Personenzug stürzte einige Minuten vor Mitternacht vor der Station Schwarzenau in dem Augenblick als er die Limpfingers-Brücke passieren wollte ab, und fiel, sich mehrmals überschlagend, über den 10 Meter hohen Damm hinunter. Der Zug bestand aus 14 Waggons. Die Lokomotive sprang aus dem Geleise, kollerte sich mehrmals überschlagend, über den Damm und bohrte sich tief ins Erdreich ein. Auf sie stürzten 13 Waggons. Der Anprall war so fürchterlich, daß die Waggons total ineinander verbohrt wurden. Der 14. und letzte Waggon, war Dank des glücklichen Umstandes, daß seine Kupplung gerissen war, unversehrt am Bahndamme stehengeblieben. Der Zug führte 128 Personen samt dem Zugspersonale mit sich. Hievon wurden 10 Personen getötet, 81 Personen zu Teil schwer, zum Teile leichter verletzt. Die Rettungsarbeiten wurden durch den dichten schier undurchdringlichen Nebel, der sich knapp vor Mitternacht auf die Waldviertler Tannenwälter niedergesenkt hatte, außerordentlich erschwert, denn die wenigen unverletzt gebliebenen Reisenden, darunter der bekannte Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Max Schick und Oberst von Penko von der Prager Garnison, konnten inmitten der undurchdinglichen Finsternis des Nebels, inmitten des fürchterlichen Schreiens und Stöhnens der Verletzten, der unter den Eisentrümmern Begrabenen, wenig ausrichten. Einige von den Heilgebliebenen versuchten in der Finsternis den Weg nach Schwarzenau, um Hilfe zu holen. Von Windigsteig und Stögersbach, durch das ungeheure Prasseln und Krachen aufgeschreckt, kamen alsbald Bauern mit Lichtern herbei, ebenso kamen bald hernach alle Ortsfeuerwehren der Umgebung. Aber auch diesen Leuten war es unmöglich die schweren Eisentrümmer zu heben, die Mehrzahl der Hilferufenden und Wimmernden aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Um 4 Uhr früh kam im Scheine mehrerer Dutzend Pechfakeln ein Hilfszug aus Gmünd. Er brachte Rettungsmannschaft und Ärzte. Inzwischen aber war das fürchterliche Stöhnen und Ächzen der unter den Trümmern liegenden Menschen schon schwächer und leiser geworden.

   Um 8 Uhr früh morgens kam im Extra-Eilzuge mit einer 60 Mann starken Rettungstruppe die amtliche Kommission aus Wien und mit ihr auch der Generaldirektor der k.k. priv. Kaiser Franz-Josefsbahn Herr von Kogerer, sowie ein Stab von Polizeiagenten. Oberst von Penko und der Advokat Dr. Schick hatten nämlich festgestellt, daß die Schienen gelockert worden waren und daß daher wahrscheinlich ein verbrecherischer Anschlag vorliege. Die Station Göpfritz - zwischen Schwarzenau und Allentsteig war die Telegraphenleitung durch den Zugsabsturz zerstört - hatte die Wahrnehmungen Oberst von Penkos und des Dr. Schick sofort nach Wien telegraphiert, daher wurden mit dem Rettungszuge auch Geheimpolizisten mitgesandt. Während sich sofort Ärzte und Sanitätsmannschaften um die Verunglückten bemühten, während mit allen Mitteln dieselben aus ihrer furchtbaren Lage befreit wurden, während man die Toten beiseite schaffte, die Bewußtlosen labte usw. stürzten sich die Ingenieure und die Polizeibeamten sofort auf die kriminellen Erhebungen. Die eingeleiteten Untersuchungen ergaben, daß der Zug tatsächlich nur aus dem Grunde aus dem Geleise gesprungen und abgestürzt war, weil ein ganze Schienenstück von den Nägeln, Polzen und Schrauben befreit und neben das Geleise gelegt worden war. Der Beweis für einen verbrecherischen Anschlag war unzweifelhaft gegeben, umsomehr als Stunden zuvor dieselbe Stelle ein schwerer Lastzug anstandslos passiert hatte, ferner auch deshalb, da ein Bauer 5 Schienennägel überbrachte, die er bei einem Baume gefunden hatte.

   Eine der ersten Amtshandlungen der Kommission war die Einvernahme des Bahnwächters. Wir nennen prinzipiell seinen Namen nicht, da noch Nachkommen seiner Familie in unserer Gegend leben, Kleinhäusler, Arbeiter, lauter brave rechtschaffene Leute, die wir aus Gründen, die sich aus der späteren Darstellung ergeben werden und aus Menschlichkeit, nicht übler Nachrede preisgeben wollen. Nennen wir daher den Bahnwärter X. Dieser X erklärte vor der Kommission, obwohl unter dem Eindrucke des furchtbaren Unglückes sehr aufgeregt, aber dennoch in bestimmten Worten, daß er vorschriftsmäßig die Bahnstrecke um 3/4 12 Uhr, also kaum 20 Minuten vor dem Unglücke revidiert und in vollster Ordnung befunden hatte und daß es ihm unerklärlich sei, wieso ein ganzes Geleisestück losgemacht und neben den Schienenstrang gelegt werden konnte. Auf die Frage ob er auf jemanden Verdacht habe, verneinte er dies, dann aber besann er sich und erklärte, daß er vor einer Stunde 4-5 Männer über den Bahndamm habe gehen gesehen.

 

   Drei Tage dauerte es, bis die Bergungsarbeiten vollendet waren. Den grauenhaftesten Tod hatten der Lokomotivführer Adolf Schleinzer, der Heizer Thomas Caloun und der im Postambulanzwaggon beschäftigte k. k. Postofficial Franz Riegl erlitten. Diese drei Männer waren, eingeklemmt von den Trümmern der Maschine, des Tenders und des darauf gestürzten Postwagens von dem ausströmenden siedenden Wasser und Dampf buchstäblich bei lebendem Leibe gesotten worden. Der Heizer Caloun hätte an dem Tage an dem seine Beerdigung stattfand, Hochzeit feiern sollen.

   Weiters wurden noch getötet die Kondukteure Wenzel Tauer und Josef Watzin. Von den Reisenden kamen ums Leben die Brauereimeistersgattin Marie Pilsak, der Kaufmann Samuel Huttrer aus Prag und der k. k. Postbeamte Adalbert Hradetzky. Einige andere entsetzlich verstümmelte Leichen konnten nicht identifiert werden. Die Szenen, die sich damals bei den Bergungsarbeiten abspielten, vermag keine Feder zu schildern. Einer Völkerwanderung gleich strömten am anderen Tage die Bewohner aller umliegenden Ortschaften zur Unglücksstätte. Tausende und tausende kamen aus Waidhofen, Gmünd, Zwettl, Zlabings, Krems und Budweis und ein Heer von Wiener Zeitungsberichterstatter und Photographen, sowie eine Menge ausländischer Journalisten kamen herbei und die Gasthöfe und Pivathäuser in der ganzen Umgebung waren nicht imstande die vielen Leute aufzunehmen, umsoweniger als alle verfügbaren Betten für die Verwundeten in Schwarzenau, Stögersbach und Windigsteig in Anspruch genommen waren. Bedauerlicherweise muß hier festgestellt werden, daß auch Leichenfledderer ihr Schandgewerbe ausüben wollten, um die verstreuten Pretiosen der Passagiere, Geld und Schmucksachen, sowie die überall herumliegenden Postpakete zu berauben. Die Bevölkerung aber verprügelte die Hyänen des Unglücks fürchterlich und übergab sie der Gendarmerie.

 

   Am 7. November 1875 fand unter riesiger Beteiligung der Bevölkerung und im Beisein zahlloser Eisenbahner und Postbediensteter, sowie in Anwesenheit hoher Bahnbeamter und eines Vertreters der Regierung die Beerdigung der 5 verunglückten Eisenbahnbediensteten auf dem Windigsteiger Friedhofe auf Staatskosten statt. Inzwischen arbeiteten die Polizei und die Bahnjuristen fieberhaft. Die Polizei stellte den Verbrechern nach, die Bahnjuristen nahmen den Tatbestand bezüglich der getöteten und schwer- oder leichtverletzten Personen auf, um die Frage der Schadensersatzansprüche und Schmerzensgelder vorzubereiten. Die Staatspolizei aber nahm neuerlich den Bahnwächter X ins scharfe Verhör. Man mißtraute ihm und fand es unerklärlich, daß der Mann 20 Minuten vor dem Unglück die Geleise in Ordnung befunden haben wollte. Ingenieure nahmen zahlreiche Proben vor, wie lange 2, 3 oder 5 geübte Eisenbahnarbeiter benötigen, um ein ganzes Schienenstück gänzlich von den Nägeln, Schrauben und Polzen zu befreien und es neben das Geleise hinzulegen. Dann probierte man die Sache mit eisenbahnfremden Leuten aus und ließ Knechte aus der Umgebung diese Arbeit verrichten. Und schließlich ließ man einen einzelnen Eisenbahnarbeiter mit den Bahnwerkzeugen diesen Versuch machen. Die Kommision war der Überzeugung, daß ein geübter Eisenbahnmitarbeiter mit seinen Bahnwerkzeugen diese Arbeiten in kaum 20 Minuten herstellen könne. Ein verbrecherischer Anschlag lag zweifellos vor, aber wer hat ihn verübt? Was waren die Motive dazu? Und was sprach gegen und für den Bahnwächter? Beweisen konnte man dem Manne gar nichts und daher konnte er auch nicht gerichtlich verhaftet werden. Die Polizei mußte daher andere Fährten verfolgen. Am 8. November 1875 erfolgte eine Publikation, daß die k.k. Staatsbahndirektion für die Ergreifung des Täters eine Belohnung von 500 Gulden ausgeschrieben habe. Diese amtliche Bekanntmachung wurde im ganzen Waldviertel an allen Eisenbahnstationen und bei allen Gemeindevorstehungen angeschlagen. Aber sie hatte keinen Erfolg. Es wurden zwar nach einigen Tagen 2 Männer in Göpfritz verhaftet, die man beschuldigte in der kritischen Nacht sich am Bahngeleise zu schaffen gemacht und die dann in Schwarzenau im Eisenbahn-Gasthaus (heute Sallmeier) Glühwein getrunken und allerlei sonderbare Reden geführt hatten, aber die erregte Phantasie mußte bald der Vernunft weichen und die beiden Männer, einfache Rastelbinder, erwiesen sich als vollkommen unschuldig.

   Es wollte kein Licht kommen in jenes furchtbare Verbrechen, dieser schrecklichen, nebeligen Novembernacht des Jahres 1875.

   Umsomehr höhnte und spottete die Wiener Presse auf die Sicherheitsverhältnisse der österreichischen Bahnen und der Generaldirektor Herr von Kogerer war Gegenstand der ärgsten Angriffe. Im Abgeordnetenhause interpellierte der vor zwei Jahren zum erstenmal ins Abgeordnetenhaus gewählte Reichsratsabgeordnete des Waldviertels Georg Ritter v. Schönerer, wieso die Regierung einen Mann wie Herrn von Kogerer zum Direktor der Kaiser Franz-Josefsbahn bestellen konnte. Dieser Mann sei seinerzeit jahrelang Erzieher junger Erzherzöge gewesen und könne sich daher mehr der Protektion an höchster Stelle, als seiner eisenbahntechnischen Kenntnisse rühmen, die ihm gänzlich mangeln.

   Das Einzige was die Direktion der Franz-Josefsbahn unternahm, war, daß sie den Bahnwächter X von seinem bisherigen Dienstorte, dem Wächterhäuschen bei Schwarzenau, enthob und ihm einen Bahnwächterposten in Böhmen an der Pragerstrecke anwies. Aber den Mann befiel nach kurzer Zeit ein schweres Nerven- und Gemütsleiden, das ihn oft ans Krankenbett nötigte. Als Ursache seiner Erkrankung bezeichnete er die Eisenbahnkatastrophe bei Schwarzenau, den erlittenen Schreck und all das mitangesehene entsetzliche Elend, das seine Nerven zermürbt hatte. Er diente als kränklicher Mann noch mehrere Jahre bei der Kaiser Franz-Josefsbahn, dann pensionierte ihn die Direktion und rechnete ihm noch eine Anzahl von Dienstjahren dazu, da er sich sein unheilbares Nervenleiden in Ausübrung seines Dienstes zugezogen hatte. Bahnwächter X übersiedelte mit Frau und Kindern von Böhmen ins Waldviertel, wo er ja Verwandte hatte und nahm in einer Ortschaft, nahe bei Schwarzenau, Wohnung.  

 

   Jahre und Jahrzehnte waren seither im Strome der Ewigkeit verrauscht. Man schrieb das Jahr 1907. Am 15. August 1907 hatten sich die Mitglieder der Ferialverbindung "Waldmark" in Waidhofen ein Stelldichein gegeben, das gleichzeitig mit einer Robert Hamerlingfeier vor dem Denkmal des Waldviertler Dichters im Waidhofner Stadtparke verbunden war. Die Festrede hielt damals mein Vetter, Gymnasialprofessor Dr. Alois Pilz, dann folgten Studentenaufzüge, Bummel, Festkommers und am übernächsten Tage verließen die Mitglieder der "Waldmark" das gastliche Waidhofen. Der Großteil fuhr mit der Bahn fort, ein kleiner Teil aber marschierte zu Fuß nach Schwarzenau. Waldmärker, Abiturienten, junge Mädels. In Schwarzenau wollte man noch einmal beim Bier zusammen sein und dann Abschied nehmen. Ein Stückchen Weges, knapp bei der Limpfingserbrücke, ging die lustige Gesellschaft oben am Bahngeleise. Jubelnd, singend klingt es über die heiße sonnige Augustlandschaft. Da, wie aus dem Boden gewachsen steht vor ihnen ein altersgrauer Mann. Im Bauernkleide, aber mit einer Eisenbahnermütze auf dem weishaarigen Kopfe. Mürrisch herrscht er die jungen Leute an: "Sofort herunter vom Bahnsteig, sonst mach ich die Anzeig!"

 

   Die Studenten aber lachen nur und einer der Abiturienten, der den Alten kennt, sagt ihm in gutmütigem Spotte: "Aber was wolln`s denn, sie sind doch längst in Pension!" Und aus einem anderen Studentenmund tönt die frohe Parodie auf das Wiljalied, das Waldmägdelein: "Du kannst uns, du kannst uns gern haben oder nicht." Eine Lachsalve fliegt auf. Und weiter wandert die lustige, fröhliche Studentenschar mit ihren Mädels längs der Limpfinger-Eisenbahnbrücke, längs der im Sonnenglanze gleißenden Schienen. Der alte Eisenbahner droht mit dem Stocke, dann humpelt er brummend und seufzend weiter.

 

   Abermals verstreichen mehrere Jahre. Es war kurz vor Ausbruch des Weltkrieges. Der Bahnwärter i. R. Herr X lag am Totenbette. Er wußte, daß er sterben müsse und daher ließ er seine ganze Familie, seine Kinder und Enkeln kommen. Und dann begann der Alte zu erzählen, stockend und langsam: 

     "Ich war als junger Bahnwächter erst wenige Jahre im Eisenbahndienste. An meiner Seite lebte Marie, mein liebes junges, längst verstorbenes Weib. Ein Kind kam nach dem anderen, mit ihnen aber auch die Sorgen ums tägliche Brot, ums nackte Leben. Wir hatten damals ein hölzernes Wächterhaus zum Bewohnen, das in nächster Nähe der Limpfingserbrücke liegt, dort ungefähr, wo heute die Gleise der Waidhofner Lokalbahn abzweigen. Schon lange quälte mich der Gedanke, wie ich es unternehmen sollte, meine Lage zu verbessern, denn bei 25 Gulden monatlich konnte man mit Weib und Kindern nur hungern. Da kam ich auf die unglückselige Idee, die Schienen auf der Limpfingserbrücke zu lockern und den um Mitternacht passierenden Zug mit der Begründung aufzuhalten, ich hätte im letzten Momente die defekten Schienenteile bemerkt und nur meinem Pflichtgefühl wäre es zuzuschreiben, daß ein furchtbares Eisenbahnunglück verhütet worden sei. Durch diese Handlungsweise glaubte ich eine Geldprämie von vielleicht 50 Gulden und auch eine schnellere Beförderung zu erlangen, die meiner Notlage abgeholfen hätte. Nach endlosem und wochenlangem Überlegen faßte ich den Entschluß zur Ausführung. Es war in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1875, als ich mich anschickte meinen Plan zur Ausführung zu bringen. Gegen 1/4 12 Uhr nachts, knapp nachdem der Lastzug die Strecke passiert hatte, begann ich eine ganzen Schienenteil mit meinen Werkzeugen von Nägeln und Schrauben zu befreien. Die Arbeit ging rasch von statten, sorgfältig verbarg ich wieder meine Werkzeuge in der Materialkiste. Nun ging ich, mit meiner roten Dienstlaterne versehen dem Zug entegen. Es war gegen 3/4 12 Uhr nachts. Ich hatte in einem kleinen Tannengehölz neben dem Geleise Aufstellung genommen, um sofort beim Herannahen des Zuges mit meiner Laterne das Haltesignal zu geben. Ich wartete, wartete. Doch wer beschreibt mein furchtbares Entsetzen, als sich die klare Nachtluft plötzlich zu verdichten begann. Neblig wars, ein furchtbarer undurchdringlicher Nebel hatte sich urplötzlich auf die ganze Gegend niedergesenkt. Immer dichtere Nebelschwaden ballten sich zusammen, so daß ich kaum noch das rote Licht meiner Laterne sehen konnte. In meine Todesangst wußte ich anfangs nicht, was ich beginnen sollte, hörte ich doch schon von Ferne das dumpfe Brausen des herankommenden Nachtzuges. Ich schrie wie wahnsinnig "Halt, Halt", aber schon raste der Zug an mir vorüber, sein Brausen übertönte mein Rufen. Einige Augenblicke noch, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Und dann !  Ein entsetzliches Krachen, Prasseln, ein grauenhafter Todesschrei aus hunderten Kehlen, ein Schrei, denn ich zeitlebens zu hören vermeinte ....

   Ich lief dem Unglücksorte entgegen; was hier geschehen, war mein Werk! In der undurchdringlichen Finsternis, in dem Schreien, Weinen und Wimmern, vermißte mich niemand. Als ich nach einigen Stunden einvernommen wurde, hatte ich merkwürdigerweise wieder soviel Beherrschung erlangt, daß ich bestimmt aussagen konnte, ich habe die Strecke 20 Minuten vor dem Unglück nochmals revidiert und nichts Verdächtiges vorgefunden. Auch sagte ich, daß ich eine Stunde vorher 5 Männer über den Damm laufen gesehen habe. Man schenkte mir Glauben, weil man mir nichts beweisen konnte und ließ mich bis auf weiteres auf meinem bisherigen Posten. Ruhig und wortkarg versah ich meinen Dienst, aber die fürchterlichsten Gewissensbisse folterten und marterten mich Tag und Nacht. Immer, wenn der betreffende Nachtzug die Brücke passierte, erlebte ich im Geiste dieses schreckliche Unglück, an dem nur ich, ich einzig und allein, schuldtragend war. In wenigen Monaten war ich um Jahre gealtert. Glücklicherweise versetzte mich die Direktion auf die Pragerstrecke, aber die Gewissensbisse ließen nicht nach. Meiner Frau verschwieg ich alles, barg mein entsetzliches Geheimnis in mir und die Gute blieb bis zu ihren Tode in der Meinung die Erlebnisse dieser Schreckensnacht hätten mein Gemüt und meine Nerven so sehr zerüttet. So versah in meinen Dienst als kranker Mann noch einige Jahre, bis mich die Direktion pensionierte. Wieder ging ich ins Waldviertel zurück. Merkwürdig, immer und immer zog es mich zu jener Unglücksstätte, wo ich oft stundenlang sinnend saß. Hunderte und hunderte Male stand ich dort, bei Tage und bei Nacht. Wie oft hatte ich in mir schon den Entschluß erwogen mich auf die Geleise der Limpfingerbrücke zu werfen, um mein schuldbewußtes Leben vom Zug zermalmen zu lassen.  Doch immer wieder fehlte mir die Kraft dazu."

   Der Schwerkranke schwieg erschöpft. Die beklemmende Stille des Sterbezimmers ward nur unterbrochen durch das stille Weinen und Schluchzen der Kinder und Enkelkinder und duch das Ticker der alten Wanduhr, deren Räderwerk regelmäßig lief, während ein reuiges Menschenherz mit müden Schlägen der Ewigkeit entgegenbangte.

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   Die k. k. Staatsbahndirektion in Wien wurde verständigt und nach der Beerdigung des Bahnwächters X. Diese entsandte einen Beamten von Wien herauf in die entsprechende Ortschaft wo der Verstorbene gewohnt und nahm aus dem Munde der Hinterbliebenen, das Geständnis entgegen und legte es in einem Protokolle fest. Über Bitten der Anverwandten, die Sache nicht der Öffentlichkeit zu übergeben, sagte der Beamte zu, daß er diesen Wunsch seiner Direktion übermitteln werde. Diese unterließ es auch das Geständnis im Wege der Zeitungen der Öffentlichkeit mitzuteilen. Was hätte es auch genützt ? Nur die Hinterbliebenen wären in ihrem Ansehen geschädigt worden. So also wurde das Protokoll zum Akte über das Eisenbahnunglück gelegt, wo es in den Archiven schlummert. Nach fast 40 Jahren war des Rätsels Lösung gefunden worden. Heute erinnert nur noch ein schlichtes Grabmahl am Friedhofe zu Windigsteig an die entsetzliche Tragödie, die sich am 4. November 1875 abgespielt. Dieses Denkmal trägt folgende Inschrift: 

 

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                                     Adolf Schleinzer                 Wenzel Tauer

                                        Franz Niegl                      Josef Wazin  

Thomas Caloun

Bedienstete der k. k. priv. Kaiser Franz Josefsbahn

verunglückt am 4. November 1875 bei Schwarzenau.

Und noch eine Erinnerung ist uns geblieben. Die Wiener Verlagsanstalt

L. C. Zamarky (die heutige Steyrermühlenverlagsanstalt) hat damals ein Bild veröffentlicht,

das die Eisenbahnkatastophe bei Schwarzenau in ziemlich getreuer Weise darstellt.

Diese Bilder wurden seinerzeit massenweise im Waldviertel verkauft.

Ein solches Bild ist auch ist auch im Museum der Stadt Waidhofn zu sehen.

 

Otmar Schuster einsehbar seit 19. Mai 2018