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Die Osmanen vor Wien

Türkenkriege

Österreichs Schicksalsjahre von 1529 bis 1683

Quelle: Christoph Hirschmann  

 

Mit dem Fall Konstantinopels 1453 und dem Ende Ostroms war das letzte Bollwerk gegen die Osmanen gefallen.

 

   Für die Osmanen war die Beziehung zum Habsburger-Reich seit langem klar: Österreich war der Hauptfeind. Um ihre langfristigen Expansionspläne in Richtung Mitteleuropa realisieren zu können, mußte die Habsburger-Monarchie in die Knie gezwungen werden. Es war nur eine Frage der Zeit. Ohne den persischen Erbfeind im Osten jemals ganz aus den Augen zu lassen, starteten die Osmanen schon früh mit Überfällen auf das Habsburgerreich. Am Großprojekt der Kreuzzüge gegen die Osmanen wollte sich Kaiser Friedrich III. (1440-1493) nicht beteiligen, obwohl ihn die anderen christlichen Staaten dazu drängten. Vielmehr ging es den Habsburgern jetzt darum, die Türken aus Ungarn (Zentralungarn, Siebenbürgen) zu vertreiben. In einer Art "Pattstellung" standen sich die beiden Großmächte - Österreich und Sultan Suleimans Osmanenreich - fortan in Ungarn gegenüber. Sultan Suleiman I. (1520-1566) regierte als der 10. Sultan des Osmanischen Reiches und gilt als einer der bedeutensten Osmanenherrscher.

 

1529 - die Türken erstmals vor Wien

 

   Die Verweigerung des bei einem Thronwechsel üblichen Tributs gab Sultan Suleiman den Vorwand zum ersten seiner 13 Feldzüge, der führte gegen Ungarn in dessen Verlauf er 1521 auch Belgrad eroberte, welches damals zu Ungarn gehörte. Im April 1526 zog er mit 100.000 Mann und 300 Kanonen erneut gegen Ungarn und nach dem Sieg in der Schlacht bei Mohacs über den ungarischen König Ludwig II., der in dieser Schlacht fiel, mußten Buda und Pest ihm die Tore öffnen. 1529 dann sein 3. Feldzug nach Ungarn, er eroberte am 8. September Ofen und drang am 23. September mit 120.000 Mann bis nach Wien vor. Anfang September bereits tauchten in der Umgebung Wiens die Vorboten dieses Heeres auf. Diese unbesoldete leichte Kavallerie hatte angeblich eine Stärke von bis zu 20.000 Mann ging üblicherweise plündernd, sklavenmachend, vergewaltigend und mordend der regulären Armee voraus und sollte den Wiederstandswillen der Bevölkerung lähmen. Am 27. September brannten türkische Schiffe die Donaubrücke nieder. Suleiman wollte sich den "Goldenen Apfel" wie er die Stadt poetisch nannte, ein für alle Mal einverleiben. Erzherzog Ferdinand, Bruder von Karl V., (ab 1521, 1556-1564 auch Kaiser) versuchte den osmanischen Vormarsch mit Friedenangeboten zu verlangsamen, und stellte dem Sultan und den Großen seines Reiches regelmäßige Geschenke in Aussicht. Auf dem Reichstag zu Speyer gelang es ihm im April 1529 zwar, mit ausführlichen Schilderungen der Greuel, welche die Türken in Ungarn verüben würden, die Reichsstände dazu zu bewegen, ihm Geld und Truppen zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen, wenn auch nicht in dem erhofften Ausmaß. Als ihr Befehlhaber wurde Friedrich von der Pfalz bestimmt. Eine große Anzahl von Wiener Bürgern flüchtete ab dem 17. September, darunter sieben von zwölf Stadträten. Nur Bürgermeister Wolfgang Treu, der Stadtrichter Pernfuß und drei weitere Stadträte  blieben. Von den damals mehr als 3500 bewaffneten Bürgern blieben lediglich 300 bis 400 zurück. Viele Flüchtende fielen aber auf ihrem Weg in vermeintlich sicheres Territorium der herumstreifenden Kavallerie der Osmanen in die Hände. Wien wurde von der Stadtgarnison, den Resten der Stadtmiliz und mehreren Tausend deutschen und spanischen Söldnern verteidigt, darunter eine Hundertschaft Panzerreiter unter dem Kommando des Pfalzgrafen Philipp, die eintraf, kurz bevor sich der Belagerungsring schloss. Die vom Reichstag beschlossenen Reichstruppen, insgesamt 1600 Reiter, kamen dagegen zu spät und verharrten bei Krems. Insgesamt konnten die Verteidiger der Stadt etwa 17.000 Soldaten aufbieten. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Belagerer war jedoch erheblich, zudem war der Schutzwert der im 13. Jahrhundert erbauten Stadtmauer mangelhaft. Am 23.  September kamen die Osmanen in Sichtweite der Stadt, die bis zum 27. September komplett eingeschlossen wurde. Ihre Streitmacht umfasste etwa 150.000 Menschen. Der Zustand der ungarischen Straßen hatte verhindert, dass mehr als zwei schwere Belagerungs-Geschütze von Belgrad oder Ofen nach Wien hatten transportiert werden können, sodass nur 300 leichte Kanonen mitgeführt wurden. Die taktische Leitung der Belagerung oblag dem Großwesir Ibrahim Pascha

   Einen wesentlichen Anteil an der Verteidigung der Stadt Wien hatte Pfalzgraf Philipp als Oberbefehlshaber der zwei Regimenter Reichstuppen in der Stadt. Seit dem 19. Jahrhundert wurde aus patriotischen Gründen immer mehr die Leistung der nicht geflohenen Wiener Bürger und des Niklas Graf Salm in den Vordergrund geschoben, Philipps Anteil geriet dabei in Vergessenheit.

   Graf Salm und der Hofmeister Wilhelm von Roggendorf ließen die Stadtmauern mit Erdbefestigungen verstärken und alle Tore bis auf eines zumauern. Die Kirchenglocken wurden stillgelegt, die 28 Boote der Donauflottille wurden verbrannt, da ihre Besatzung geflohen war und sie nicht den Türken in die Hände fallen sollten. Sie überwachten auch die Positionierung der 72 Kanonen, die den Verteidigern der Stadt zur Verfügung standen. Sämtliche Gebäude außerhalb der Stadtmauern wurden abgerissen, um ein freies Schußfeld zu ermöglichen und um den Angreifern Möglichkeiten zur Deckung zu nehmen. Mehrmals gelingt es den Osmanen Breschen in die Stadtmauen zu sprengen, die Verteidiger vereiteln jedoch jeden Versuch. Verpflegungsschwierigkeiten der riesigen Armee zwingen letztendlich die Türken nach drei Wochen zum Abzug. Türkische Geschichtsschreiber stellen die Belagerung als Erfolg dar und gaben als Hauptgrund für den Rückzug das schlechte Wetter an.   

 

   Diese erste Wiener Türkenbelagerung gab Suleiman nach einem Verlust von 40.000 Mann am 14. Oktober auf. In der Nacht auf den 15. Oktober begann der Abzug. Die Truppen ließen alles zurück, was sie beim Rückzug behinderte.   

 

   1532 marschierte Suleiman erneut in Richtung "Goldener Apfel". Er drehte aber ab und verschwand über die Steiermark Richtung Ungarn. Massacker und Blutbäder in den Dörfern pflasterten diesmal den Rückzug der Osmanen. Die Wiener konnten vorerst wieder aufatmen. Ab nun war Persien das Ziel der Osmanen unter Suleiman.

 

   In den folgenden Jahren herrschte eher "Kalter Krieg". So drohte Großwesir Ibrahim in Richtung der Habsburger Ferdinand und Karl: Man werde die Habsburger "in Staub, ihre Berge mit den Hufen unserer Rösser in Ebenen verwandeln". Dann wird es wieder "heiß". 1541 belagerte eine 30.000 Mann starke Habsburger-Armee die begehrte ungarische Festung Buda. Gleichzeitig rückte Suleimans Riesenheer an. Ferdinands Truppe wurde vernichtend geschlagen. Die Türken bemächtigten sich ohne Blutverlust der Burg. Buda wurde ihr neues Machtzentrum und Bollwerk gegen das Haus Habsburg. Buda lag am Westufer der Donau, Pest an der gegenüberliegenden Seite im Osten. Wieder herrschte für mehr als drei Jahrzehnte eine "Pattstellung". Die "Türkenfrage" blieb brisant. Deshalb berief der neue Kaiser und König Rudolf II. 1576-1608 Erzherzog von Österreich, (Maximilian war 1576 gestorben) eine Konferenz ein. Es wurden defensive und offensive Optionen zur Abwehr eines möglichen neuen Angriffs der Osmanen erörtert. Auch bei den Türken wechselte inzwischen die politische und militärische Elite: Dem eher mäßigenden Großwesir Mehmed Sokollu Pascha folgte der "Falke" Sinan Pascha, ein ausgewiesener Christenhasser und Kriegstreiber. Und Mehmed III. beerbte seinen schwachen Vater Murad II. als Sultan.

   Kleinkriege - vorwiegend die Belagerung von Burgen - bestimmten die Neunzigerjahre des 16. Jahrhunderts. Die Kaiserlichen eroberten Gran. Die Türken revanchierten sich 1596 in Eger, dass dann 91 Jahre unter türkischer Herrschaft verblieb. Doch auf dem Nordostbalkan erlitten die Osmanen Schlappen infolge des unerwartenden Frontenwechsels des Fürsten Michael. 1595 konnte der Abtrünige in der Walachei mehrere wichtige Städte erobern, darunter Tirgoviste, wo er nach gutem alten Brauch seiner Vorfahren - wir kennen die Taten Vlads des Pfählers - gleich die ganze osmanische Garnison pfählen ließ. Die Befehlshaber Ali Pascha und Kodschi Beg wurden auf langsamen Feuer geröstet. Jeder kennt den Schauer-Mythos. In der Walachei war Sultan Mehmed im 15. Jahrhundert auf den berüchtigten Woiwoden Vlad Tepesch geprallt. Das historische Vorbild für den aus Romanen und Filmen berüchtigten Grafen Dracula wurde "Tepesch" - "Pfähler" oder "Pfahlwoiwode" genannt, der sowohl Feinde als auch unbeteiligte Opfer in Scharen aufspießte und zu Tode martern ließ. Diese perverse Kriegs-"Mode" betrieb er noch weitaus umfassender und leidenschaftlicher als die zeitgenössischen Türken. Als Mehmed in Vlads Hauptstadt einzog, ritt er durch "jenen grausigen Leichenwald, in dem auf etwa 20.000 Pfählen die Reste der von Vlad gespießten Bulgaren und Osmanen zu sehen waren". Jedenfalls setzte der Habsburger Rudolf II. große Hoffnungen auf Michaels "großrumänische" und anti-osmanische Pläne, doch der in der Überlieferung als Held verehrte Dracula wurde ausgerechnet vom Oberkommandierenden der Habsburger, General Basta 1601 aus persönlichen Gründen ermordet.

 

   Im Oktober 1596 war der Kleinkrieg eskaliert. Erzherzog Maximilian, Rudolfs Bruder, befehligte bei Mezökeresztes, nahe Eger, 1596 an die 40 bis 60.000 Kaiserliche, schließlich wurden sie aber von den Osmanen aufgerieben - es sollte allerdings der letzte Sieg der Türken in einer großen Entscheidungsschlacht gewesen sein.

 

   1663, nach einer längeren Ruhephase verschärfte sich die Situation wieder. Großwesir Ahmed Köprülü erreichte mit einem 100.000 Mann starken Heer Buda. Bei Gran unterlagen die kaiserlichen Truppen. Osmanen belagerten Burgen in Südwestungarn. Bei St. Gotthard stellte sich ihnen Feldmarschall Montecuccoli samt deutschen Kontingenten - vor allem ein bayrisches Korps fiel als besonders heldenhaft auf - in den Weg. An der Raab wurden die Türken 1564 schließlich geschlagen. Doch Wien schloß einen überstürzten und halbherzigen Friedensvertrag - die Expansionsbestrebungen einer anderen Großmacht, der Franzosen unter dem prunkvollen "Sonnenkönig" Ludwig XIV., machten den Habsburger zu schaffen. 

 

1683 - Zweite Wiener Türkenbelagerung

 

   Der "Hofjude" Samuel Oppenheimer, der Finanzier der Kriege des Kaiser Leopold I. dem "Türken-Poldl", war verhaftet worden. Man ahnt eine Intrige des Hofes und des Bischof Leopold Kollonitsch, eines deklarierten Judenhassers. Man will ihn als Geisel festhalten, um die geplanten weiteren Lieferungen von Kriegsmaterial und Proviant, zu erzwingen, selbstverständlich ohne Bezahlung. Die Kriegskassa des Kaisers ist immer leer, die Hohe Pforte, daran lassen die einlaufenden Berichte vom Bosporus keinen Zweifel mehr, rüsten zum Krieg: Will man auf den Angriff der Osmanen vorbereitet sein, so ist höchste Eile geboten. Angesichts der drohenden Türkengefahr wird Oppenheimer von Leopold enthaftet. An die Spitze der antikaiserlichen Rebellen (Kuruzzen) in Siebenbürgen hievte sich Graf Imre Thököly, der geschickt und gefinkelt zwischen Habsburgern und Osmanen lavierte. Thököly war nach der Eroberung Füleks 1682 von Ibrahim Pascha zum "König von Oberungarn" ausgerufen worden. Er setzte seinen Eroberungsfeldzug in diesen Gebieten erfolgreich fort. Die kaiserlichen Truppen schwächelten. Die Türken wollten allerdings in Ruhe Ramadan feiern. In dieser Situation erklärte sich der Kuruzzenführer zu Waffenstillstands-Verhandlungen in Wien bereit. Kaiser Leopold empfing ihn geradezu zuvorkommend. Man handelte einen sechsmonatigen Frieden aus, und Tököly sollte 3000 Gulden monatlich dafür kassieren, dass er zwischen dem Haus Habsburg und der Hohen Pforte vermittelte. Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Friedensverhandlungen Thököly`s auch einen kriegerischen Zweck hatten, er ließ offenbar die Befestigungsanlagen Wiens professionell ausspionieren. Gleichzeitig gründete er auf den von Kuruzzen besetzten Regionen einen eigenen Staat und ließ sich auch von Leopolds Erzfeind - Frankreichs Ludwig XIV. - finanziell unterstützen. Protestantische Adelige konnten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Auf der Bildfläche erschien Kara Mustafa dem Thököly die Befreiung Ungarns von den Habsburgern zutraute. Der Name des ehrgeizigen und brutalen Großwesirs sollte sich in die Geschichte der Türkenkriege um Wien einprägen wie nur wenige andere.

   Unterdessen überfielen die Kuruzzen auch weiterhin - ungeachtet des Waffenstillstandes - Habsburger-Territorien. Doch am Wiener Hof hielt man - angesichts der Bedrohung durch Frankreich und den immer bombastischer regierenden "Sonnenkönig" - am Bündnis mit Thököly fest. Man wollte Türkenfriede und nicht Türkenkrieg. Trotz dieser Hoffnungen ließ Kaiser Leopold II. allerdings seine Streitkräfte aufrüsten und die Schanzarbeiten forcieren. Man konnte ja nicht wissen ...

   In den Mittelpunkt rückte jetzt der legendäre Wiener Stadtkommandant Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg. Er machte sich ein Bild von der, wie sich herausstellen sollte - tristen - Situation: "Stadtkommandant Starhemberg , der sich mit Entschlossenheit und Energie seiner Aufgabe widmete, verlangt von Graf Hofkirchen eine genaue Aufstellung über die im Zeughaus befindlichen Waffen und Munitionsvorräte, ferner wünscht er ein Verzeichnis all jener Spezialisten und Handwerker der Stadt, denen im Kriegsfall besondere Bedeutung zukommt - dazu zählen etwa Minierer, Feuerwerker, Büchsenmeister, Plattner, Schlosser, Schneider, Tischler, Wagner und Zimmerleute. General Hofkirchen ist über diesen Wunsch wenig erbaut und sieht darin eine Einmischung in seine Kompetenzen. Erst nachdem er als neuer Kommandant nach Komorn in Ungarn abgereist ist, erhält Starhemberg Einsicht in die Unterlagen. Da zum Teil erschreckender Mangel an Fachkräften herrscht, werden zahlreiche Handwerker zu den Regimentern angeworben; manche ziehen es auch vor, aus der Stadt zu flüchten, um nicht Starhembergs Werbeoffizieren in die Hände zu fallen. Der Lohn, der beim Militär winkt, ist jedenfalls die Mühe nicht wert: Gerade vier Groschen zahlt der Kaiser - eine Lappalie, die selbst unqualifierte Taglöhner bekommen, führt Sachslehner in seinem Werk "Wien anno 1683" aus. Ein weiterer wichtiger Mann wurde damalige Star-Architekt unter den Festungs-Bauern, der sächsische Fleischhauersohn Georg Rimpler. Nach seinen Diensten als einfacher jugendlicher Soldat in der schwedischen Armee im Baltikum hatte er Mathematik, Geschichte und die Kunst der Fortifikation studiert - darin wurde er zur Ikone: " Gib dem Rimpler zwo zerborstene Ziegelstain, er macht dir eine Festung draus, nimbt keiner ein!", reimten Zeitgenossen. Starhemberg nahm ihn mit offenen Armen auf. Auch Leopold war angesichts der "besorglichen Feindsgefahr" über das Engagement des Star-Ingenieurs glücklich. Umgehend machte man sich an die vordringliche Arbeit von Schanzarbeiten in der Leopoldstadt. Der geniale Rimpler wurde zu einer unersetzlichen Schlüsselfigur der Verteidigung Wiens gegen die Türken anno 1683.

   Papst Innozenz XI. urgierte beim "allerchristlichen König" Ludwig XIV. "er möge von einem Angriff auf Habsburg absehen, damit man sich auf den "gemeinsamen und entsetzlichen Feind  des christlichen Namens" konzentrieren könne - die Osmannen. Was den "Sonnenkönig" und Habsburger-Hasser aber relativ ungerührt ließ.

   Unterdessen wurden vom kaiserlichen Hof aus unter vehementem Druck Bündnispartner für den potenziellen Krieg gegen die Türken gesucht. Und gefunden. Mit dem Kurfürsten Maximilian (Max) Emanuel von Bayern schloss man ein Devensivbündnis ab - gegen die Osmanen und die Franzosen. Das kostete Leopold jährlich die stolze Summe von 400.000 Gulden. Am allerwichtigtigsten - schließlich kriegentscheidend - war allerdings, dass Jan Sobieski, der König von Polen, am 27. Jänner anläßlich der Eröffnung der Sejm in Warschau für eine Allianz mit Habsburg plädierte. Die Vorstellung eines Vasallenstaates unter dem Kuruzzenführer Thököly, der wiederholt schon polnisches Gebiet in den Karpaten überfallen hatte, war dem Polen-König ein Dorn im Auge. Desgleichen die Opposition der korrupten und intriganten profranzösischen Magnaten in seinem eigenen Königreich, die mit dem "Sonnenkönig" in Verbindung standen.

   Was angesichts des immer wahrscheinlicher werdenden großen Krieges fehlte, war Geld. Und zwar an allen Ecken und Enden. Leopold propagierte Einsparungen - die nicht gut ankamen; "Um den Osmanen entgegentreten zu können, so schätzt man, wird ein Heer von 80.000 Mann im Feld und von 28.000 Mann in den Grenzfestungen benötigt, Geld für die Rekrutierung und den Unterhalt derartig großer Truppenverbände ist jedoch keines vorhanden". 

   Als sich im Frühjahr 1683 die gewaltige osmanische Streitmacht unter Großwesir Kara Mustafa auf Wien, den "Goldenen Apfel" zuwälzt, werden in der Wiener Burg die Koffer gepackt. Am 7. Juli verlässt der Kaiser mit seinem Hofstaat und 200 Kürassieren mit einer riesigen Wagenkolonne seine Residenzstadt und nimmt in Passau Quartier. Nur sechs Tage später steht die Hauptstreitmacht der Türken vor den Toren Wiens.

   Von Passau aus versucht Leopold, die Mittel für die Befreiung Wiens aufzubringen. Geld ist zwar vorhanden, allein der Papst stellt eineinhalb Millionen Gulden für die Rettung der Christenheit zur Verfügung, doch eine schlagkräftige Armee lässt sich nicht so einfach zusammentrommeln. Zähe Verhandlungen mit den Fürstenhöfen ziehen sich hin. Während Bayern, Franken oder Sachsen zur Hilfe bereit sind, weigert sich der Kurfürst von Brandenburg beharrlich. Auch der später so wichtige Polenkönig Jan Sobieski zaudert anfangs.

   Einen Erfolg kann Leopold in Passau freilich landen, ohne sich seiner Bedeutung bewusst zu sein. Er übergibt einem jungen Mann, der vom französischen Hof gekommen ist und sich anbietet, sich im Krieg gegen die Türken bewähren zu wollen, das Offizierspatent. Einem Mann, von dem wir noch viel hören werden: Prinz Eugen von Savoyen.

   Schließlich gelingt es doch, eine schlagkräftige Streitmacht zum Entsatz des mittlerweile belagerten Wiens zusammenzustellen. Die Verbündeten Polen, Böhmen, Venedig, Truppen aus Sachsen, Baden, Bayern, Franken und Hessen, treffen am 10. September am Kahlenberg ein.

Am 11. September erreichen die christlichen Verbündeten ihre Ausgangsposition auf den Anhöhen des Wienerwaldes. 70.000 Kämpfer stehen in breiter Front zum Angriff bereit - befehligt vom polnischen König Jan Sobieski und Kaiser Leopolds Generalissimus Karl von Lothringen. Prinz Eugen von Savoyen verdient sich an der Seite seines Cousins Ludwig Wilhelm von Baden als junger Oberstleutnant kämpfend seine ersten Sporen. Die Osmanen können diesem überraschend massiven Angriff nicht standhalten und brechen die Belagerung ab und ziehen überstürzt ab.  Leopold ist schon wieder auf dem Weg zurück, doch zum großen Finale 

kommt er zu spät. Als am 12. September die Türken besiegt und in die Flucht geschlagen werden, befindet sich sein Schiff erst zwischen Krems und Tulln. Erst am 14.September trifft der Kaiser in Wien ein, doch davor hat er die Wiener dazu aufgefordert, mit dem Feiern doch bitte auf ihn zu warten. Bereits am Vortag, am 13. September, war in der Augustinerkirche die Messe für die Sieger gelesen worden, war Jan Sobieski im Triumpf in die Stadt eingeritten und hatte dem Kaiser nicht die Freude gemacht auf ihn zu warten. Doch auch so bleibt der fromme Kaiser populär. 

 

   Die letzten Lebensjahre Leopolds sind vom Spanischen Erbfolgekrieg und schweren Krankheiten überschattet. Er zeigt in dieser Zeit mehr Interesse an seinen Leidenschaften, der Musik und den Büchern, als an Staatsgeschäften. Am 5. Mai 1705 stirbt der unterschätzte Kaiser. 

 

Otmar Schuster, einsehbar seit 10. August 2018