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Rekruten

  

Von Sepp Koppensteiner 1898-1981, Bauer, Heimatforscher und Heimatdichter,

Bürgermeister von Groß Pertholz 1948 - 1971.

 

Aus der Zeitschrift "Das Waldviertel", Jahrgang 1967, Heft 7-9

 

   Sooft ich unsere Burschen zur Musterung führe und sehe, wie sie anfangs mit kaum verstecktem Bangen vor die Kommission hintreten, nachdem sie aber doch stolz und freudig ihren bunten "Straußen" bewundern lassen und bei Wein, Gesang und übermütigen Reden ihre künftigen Heldentaten feiern, dann fallen mir immer wieder die alten Geschichten ein, die mein seliger Großvater über die Assentierungen (veralteter Ausdruck für Musterung) von anno dazumal erzählte. Es scheint uns heute im Zeitalter der allgemeinen Wehrpflicht geradezu unfaßbar, was sich in dieser Hinsicht abgespielt hat. So wußte mein Großvater zu berichten, daß ein Bursch, der sich bei einer Grundherrschaft als Knecht verdingte - also kein freier Mann mehr war - vom Militätdienst befreit wurde. Oft wurden die jungen Leute nach reiner Willkür eingezogen und unter listigen Vorspiegelungen angeworben. Kein Wunder, daß sich die Burschen, wenn Gefahr im Verzug war, versteckten und erst dann wieder zum Vorschein kamen, wenn die Luft wieder rein war.

   So hatte es einmal ein Amtmann auf einen gewissen jungen Mann abgesehen, dem es aber immer wieder glückte, zu entwischen. Einmal kam jedoch der Amtmann ganz unvermutet zum Ortsrichter und forderte ihn auf mitzugehen, um den Mann auszuheben. Da sich keine Gelegenheit mehr fand die Leute zu warnen, griff der Dorfrichter zu einer List. Als sie durch das Dorf gingen, mußten sie an einem Ziehbrunnen vorbei. Dort blieb er nun stehen und erklärte dem Amtmann des Langen und Breiten, wie hier der Eimer hinuntergelassen und dann mit Wasser gefüllt wieder ruckweise heraufgezogen würde. Den Vorgang demonstrierte er überdeutlich indem der die Arme in der Richtung auf das betreffende Haus auf und nieder warf und dabei rief: "Sehgt`s Herr Amtsrichter, so macht man`s  -- a so --!" Dadurch wurden die Leute aufmerksam und als die beiden Amtspersonen endlich in das Haus kamen, war der Vogel schon ausgeflogen.

   Es gab auch eine Zeit, in der man sich vom Militär loskaufen konnte. Das nützten natürlich die Wohlhabenden leidlich aus. So war der Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet. So mancher arme Schlucker mußte für einen Reichen einrücken. Das Lösegeld war für die damaligen Zeitverhältnisse nicht gering - es betrug für einen Mann 1200 Gulden. Trotzdem gaben manche ihren letzten Kreuzer her, ja sie machten sogar Schulden, um den Sohn freizubekommen. Verständlich, wenn man bedenkt, daß mancher zehn, fünfzehn und mehr Jahre vom Militärdienst nicht loskommen konnte und die Eltern oft lange, bange Jahre kein Lebenszeichen vom Sohn erhielten.

   Ein gut situierter Bürge, namens Hirsch aus Groß Pertholz, zeigte sich besonders vorsorglich. Er kaufte seine Kinder schon zu einer Zeit los, da sie noch in der Wiege lagen.

   In Zwettl kam eine unscheinbares Bäuerlein zur Stellungskommission und erkundigte sich um die Höhe der Loskaufsumme. Die Herren lachten ihn zuerst nur aus. Er schien ihnen ein Mann zu sein, aus dem ohnehin nicht viel zu holen wäre. Doch das Bäuerlein zog einen alten, geflickten Beutel aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und sagte: Da, meine Herren, zählt`s Euch das Geld heraus-!" Die Herren stürzten sich über den prall gefüllten Beutel her und zählten das Geld. Es war soviel drinnen, daß es für zwei Söhne gelangt hätte. Trotzdem gaben sie dem Manne nichts mehr zurück wie den leeren Beutel.

   Großvater erzählte auch, daß durch den Schwindel des seinerzeitigen Ortsrichters von Großpertholz ein Knecht von der Edermühle für einen Burschen aus Oberlainsitz, Namens Gattringer, zum Militär mußte. Und das kam so: Besagter Bursche wurde mit anderen Kameraden zur Nachmusterung nach St. Pölten vorgeladen. Da es zu der Zeit noch keine Bahn gab, mußten sie mit einem Pferdefuhrwerk hinfahren. In der Edermühle hatten sie nun einen Knecht, einen armen Kerl, der niemanden hatte und um den sich niemand kümmerte, der außerdem ein wenig schwerfällig und schwerhörig war. Mit des Ortsrichters Einverständnis mußte nun dieser Knecht die Stellungspflichtigen nach St. Pölten bringen. Dort wurde die Sache so gedeichselt, daß man die Papiere vertauschte und an Stelle des vorgeladenen Burschen den ahnungslosen Knecht zur Assentierung holte. Da die Herren in das Spiel eingeweiht waren, wurde er sofort für tauglich erklärt. Als der Betrogene auf den gemeinen Schwindel kam, war es zu spät. Die Herren ließen nicht mit sich reden und gaben ihn nicht mehr frei. Da sagte er: " Ich hab auf dem Wagen noch was vergessen, das muß ich mir holen!" Als er in Begleitung von zwei Soldaten hingehen durfte, richtete der auf die hinterlistige Art freigewordene Bursche geraden den Wagen zur Heimfahrt her. Da nahm der Knecht ohne ein Wort zu sagen, den Peitschenstil vom Gefährt, brach ihn entzwei und verdrosch den falschen Kunden derart, daß ihm letzten Endes die beiden Soldaten zu Hilfe kamen und sagten: "Jetzt ist`s genug!"

   Ein Rekrut, namens Klein aus Scheiben, der 1859 assentiert wurde, rückte in seinem Übereifer gleich ein. Er kam gerade zurecht, wie ein Marschbattaillon, das für Italien bestimmt war, zusammengestellt wurde. Sie steckten ihn, so wie er war, gleich hinein. Diese Abteilung wurde sofort in den Kampf eingesetzt, wobei der Bursche gleich am ersten Tag fiel. Hätte er bloß einen Tag mit dem Einrücken gewartet, so wie seine Kameraden, wäre ihm dieses Los erspart geblieben. Gleich nach dieser Schlacht wurde Frieden geschlossen.

   Nun will ich noch eine Geschichte erzählen:

   Da war ein Bauer, der hatte einen einzigen Sohn. Als die Zeit kam, da er zur Assentierung gehen sollte, wollte ihn der Vater freibekommen. Doch die Herren, bei denen er vorsprach, schenkten ihm kein Gehör. Weil er es aber immer wieder versuchte, und bat, sagten die Herren: "Wenn er uns innerhalb von drei Tagen ein Rätsel vorlegt, daß niemand lösen kann, soll der Sohn freigehen."

    Der Bauer war sehr betrübt, denn soviel er hin- und her sann, wollte ihm nichts einfallen. In seiner Not ging er zum Freithof zum Grab seines Weibes, das ihm Zeit seines Lebens eine gute Beraterin gewesen war. Wie er so in seinen Gedanken versunken, dastand, blendete in etwas. Er blickte auf und sah vor sich einen Totenkopf liegen, in dem sich etwas bewegte. Erst war er erschrocken, aber als er näher hinschaute, bemerkte er, daß drinnen ein Nest mit sechs jungen Spatzen war. Und da stand auch schon das gesucht, das er den Herren vorlegen wollte, vor seinem Auge. 

   Als er am nächsten Tag vor die Herren hintrat, erwarteten sie ihn mit spöttischen Mienen und fragten ihn, ob er sich schon ein Rätsel ausgeklügelt hätte, das keine lösen könne. Der Bauer sagte bescheiden: "Ja, ich habe eines gefunden, von dem ich hoff`, daß es keiner auflösen kann und also mein Sohn vom Militärdienst befreit wird."

 

   Die Herren waren schon sehr neugierig und so sagte der Bauer:

   "Ich bin hinausgegangen und wieder hereingekommen#

   Und habe sechs Junge von einem Toten genommen.

   Durch diese Sechs wird das Siebte frei,

   Nun ratet, mein Herren, was dieses sei --!"

 

   Nun verging den Herren einen um den anderen das Lachen und ihre Gesichter wurden immer länger und verdrossener. Aber wie sie auch die hohen Stirnen in Falten legten und an den Gänsekielen bissen -- es konnte keiner eine Antwort geben. Und soviele Herren sie auch aus den anderen Kanzleien holten und soviele gelehrte Köpfe sie um Rat fragten, fand keiner die Lösung. Somit blieb ihnen letztendlich nichts übrig, als den Bauern aufzufordern, selber des Rätsels Lösung zu sagen. Daraufhin erklärte der Bauer: "In meiner Not bin ich in den Freithof hinausgegangen. Dort habe ich einen Totenkopf gefunden, in dem sechs Junge Spatzen ihr Nest hatten. Ich habe nun die sechs Jungen aus dem Toten genommen und da ihr, meine Herren, dieses Rätsels Lösung nicht gefunden habt, so ist der Siebte -- das ist mein Sohn -- frei, soferne die Herren zu ihrem Wort stehen --."

   Die Herren hielten ihr Wort -- sie gaben den Sohn frei --.

 

Otmar Schuster, einsehbar seit 28. Juli 2018

 

 

Oberstrahlbach im NÖ Waldviertel