Besucher im lfd Monat

Besucher im Vormonat

Juli  2018  11552

Juni 2018  14714 

Mai 2018   12322

April 2018  15715

 

BESUCHERSTATISTIK

2013 - 1949/13053 Besucher/Zugriffe

2014 - 4545/15360 Besucher/Zugriffe

2015 - 11556/14525 Besucher/Zugriffe

 

2016 - 8326/19441 Besucher/Zugriffe

 

2017 - 8736/33478 Besucher/Zugriffe 

Zählung je Zugriff ab Mai 2018

Dezember 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der Mohngruber

 

von Lotte Ingrisch, geb Gruber

aus der Festschrift des Zwettler Sommerfestes 1980

 

   Eine bekannte Persönlichkeit im Waldviertel, Karl Gruber, mit großer Wertschätzung der "Mohngruber" genannt, starb im 77. Lebenjahr am 24. Mai 1970. Er hatte sich große Verdienste um die Popularisierung des Zwettler Mohnes, ja um die Bekanntmachung des gesamten Waldviertler Mohnes, gemacht. Der als solcher sogar an internationalen Agrarbörsen (London) notierte. Er wurde als ehrlicher Geschäftspartner und echter Freund von den Waldviertler Bauern geschätzt und betrauert.

 

   Seine Tochter, die international geschätzte Schriftstellerin Lotte Ingrisch, in zweiter Ehe   -  mit dem berühmten Komponisten Gottfried von Einem verheiratet gewesen, schrieb anläßlich des zehnten Jahrestages, am dem sie ihren Vater verloren hat, diesen wertvollen Beitrag für die Leser der Festschrift.

 

   Er war mein Vater. Er hieß Karl Gruber. Sein Reich war der Mohn, das graue Gold des Waldviertels. Es zerfiel, als er starb. Das Waldviertel wurde wieder zum Aschenputtel von Österreich. (Diese Einschätzung hat sich aus heutiger Sicht Gottseidank nicht bewahrheitet - Der Verfasser) Aber es ist schön. Schöner als seine Schwestern. Manchmal stelle ich mir vor, daß es - wie Aschenputtel im Märchen - zu einem Grab geht. Zum Grab des Mohnkönigs, meines Vaters. Und weil er das Waldviertel sehr geliebt hat, wird er es mit Gold überschütten. Noch einmal mit dem grauen Gold seines Mohns.

 

   Dieses Gold ist alt. Mohn wurde schon in der Steinzeit gepflanzt. Sein Samen wurde dem prähistorischen Menschen zur Nahrung, zum Gewürz, vielleicht auch zum magischen Reiz. Wegen der Fülle ihrer Samen galt die Mohnfrucht als Symbol der Erde, als Symbol ihrer Fruchtbarkeit. Sie war den Erdgottheiten heilig. Durch die Zauberwirkung des Mohns linderten sie Schmerzen und Leid der Sterblichen. In der Antike wurde Morpheus, der Gott des Schlafes und Schöpfer der Traumwelt, durch die Mohnkapsel versinnbildlicht. Oft war er in alten Darstellungen mit einem Mohnkranz geschmückt. Plinius (römischer Dichter im ersten vorchristlichen Jahrhundert) spricht von der schlaf- und todbringenden Kraft des Opiums. 

 

   Mein Vater Karl Gruber war ein großer Märchenerzähler. Er erfand, er erschuf die Märchen, die er erzählte. Ein später Nachfahre des Morpheus, beschenkte er seine beiden Kinder mit Träumen. Meine Kindheit war von wunderbaren Wesen und Begebenheiten erfüllt. Wir waren arm. Und sehr reich. Wenn ich abends beim Schein der Petroleumlampe zu seinen Füßen saß, verwandelte die kleine Küche sich in einen großen Palast. Einhörner, Prinzen und Feen glitten am tristen Hinterhof-Fenster vorbei. Die Welt war schön, und sie ist es bis heute geblieben. Dafür danke ich dem Mohnkönig. Er hat mich gelehrt, daß diese schöne Welt aus Phantasie gemacht ist. Sie wird böse, wenn unsere Phantasie böse wird. "Wir alle", sagt Shakespeare, "sind aus jenem Stoff gemacht, aus dem die Träume sind". Ich konnte noch nicht lesen und wußte es schon. Denn der Mohn-Gruber, mein Vater, hat es mir gesagt.

   Früher hat man im Gebirge zu Weihnachten und Allerheiligen gemahlenen Mohn mit süßer Milch gegessen, um alles Unholde fernzuhalten. Auch hat man, damit das Geld nicht ausgehe, zu Neujahr Mohnsamen verzehrt.

   Meinem Vater ging das Geld immer aus, trotzdem. Denn er war kein Kaufmann. Er war ein Liebhaber. Der Liebhaber des Waldviertels, der Freund aller Mohnbauern. Ich weiß nicht mehr, wie viele Erfindungen er, um ihr Los zu erleichtern, gemacht hat. Damals hielten ihn viele - das ist nun einmal das Los des Pioniers - für närrisch. Heute sind seine Ideen Allgemeingut, seine Erfindungen gehören zu den Standard-Artikeln der prominenten Firmen, andere Leute wurden durch ihn reich. Er selbst nicht. Er lebte arm, und arm ist er gestorben. Dabei hat er viel Geld verdient. Er hatte eine große Spedition und alle möglichen Geschäfte. Aber Geld bedeutete ihm nichts. Er verwendete es prinzipiell nur für seine Erfindungen. Die Modelle verschlangen ein Vermögen. Und er gab sich nicht zufrieden, niemals. Er wollte es immer besser und noch besser machen. Das hat er gewiß auch getan. Und so ging sein Leben - ohne daß er sich Zeit nahm, es zu bemerken - vorbei.

   Er hatte keine Angst vor dem Tod. Er hat über ihn, wie über das Leben, gelacht. Und wie über sich selbst. Als wir wußen, daß er nun sterben würde, erfand er seine eigenen Sterbelieder, und wir haben sie miteinander gesungen. Nur, daß er mit seinen vielen Erfindungen nicht mehr fertig wurde, tat ihm weh. Bis zuletzt war sein Krankenbett, war sein Totenbett mit Konstruktionsplänen bedeckt. Aber wir werden nie fertig, solange wir Menschen sind, und jetzt weiß er es wohl.

   

   Er stammte aus dem böhmischen Grenzland des Waldviertels, eines von zwölf Kindern. Nachdem er zwei Klassen lang die Volksschule seines Dorfes besucht hatte, war die Kindheit für ihn vorbei. Dies bedeutet, daß er von seinem achten bis zu seinem fast achtzigsten Lebensjahr gearbeitet hat. Damals, mit acht Jahren, kam er zu einem Bäcker in die Lehre. Wenn seine gleichaltrigen Freunde noch schliefen, war er schon seit Stunden mit einem kleinen Hundewagen voll Broten unerwegs. Sein ganzes Wissen - erwarb er allein, ohne Hilfe. Er war großzügig, er war gastfreundlich, er war ein Idealist. Sein Schneider war der Altwarentandler an der Ecke, und ein Paar alte schwarze Schuhe waren sein Rolls Royce. Damit ist er zu Fuß durchs Waldviertel gegangen, durchs ganze, Jahrzehnte lang. Ich bin stolz, ich bin sehr stolz auf ihn. In alten Zeiten gab man den Toten ein wenig Mohn mit auf den Weg. Ich weiß nicht, auf welchen Straßen mein Vater jetzt wandert. Aber gedenken sie Seiner, bitte. Und wenn Sie seiner gedenken, dann streuen Sie ein paar graue Mohnkörner für ihn in den Wind.

 

Nachträgliche Anmerkungen von Otmar Schuster

 

Karl Gruber, geboren 1893 in Rottenschachen (heute Rapsach) als Sohn des Johann Gruber und der Theresia, geb Kropik. Seine Tochter Charlotte, Schriftstellerin, verheiratet 1949 - 1965 mit dem Philisophen Hugo Ingrisch, 1966 - 1996 mit dem Komponisten Gottfried von Einem, wohnte mit ihrem zweiten Ehemann viele Jahre im Waldviertel. Zuerst in Rindlberg, Gemeinde Groß Pertholz, später in Oberdürnbach, Gemeinde Maissau, zuletzt in Weikertschlag an der Thaya. Heute wohnt sie in einer der 47 Wohnungen der Hofburg und sollte 2020 ihren 90. Geburtstag feiern.

   Sie erhielt seinerzeit von Franz Fuchs, ebenso wie Bürgermeister Helmut Zilk, eine Briefbombe zugeschickt. Ihre ging jedoch an eine falsche Adresse.

   Durch ihre Ehe mit Gottfried von Einem ist sie die Stiefmutter des früheren Innen-, Wissenschafts- und Verkehrsminister a.D. Caspar Einem.